Helmut Ballas

 

 

 

Johann Georg Friedrich Tschunky

 

- Das bemerkenswerte Lebensbild eines Scheidter Bürgers

 

 

Im Nachfolgenden zeichne ich das Portrait eines ungewöhnlichen Mannes, der 40 Jahre, und zwar von 1834 -1873, Lehrer in Scheidt war.

 

 

 

J.G.F. Tschunky wurde am 28.2.1803 in Ottweiler als Sohn des Kantors Joh. Friedr. Samuel Tschunky und seiner Ehefrau Margarethe Lind (beide um 1780 aus Ottweiler stammend) gebo­ren. Nach dem frühen Tode des Vaters 1823 konnte er dessen Schul­steIle 2 Jahre verwalten. Von 1825 - 27 besuchte er das Seminar in Neuwied, um dann in Wahlschied als Lehrer seine erste richtige Anstellung zu finden. Am 5.10.1834 trat er die Nachfolge in Scheidt für Peter Geibel an, der im Frühjahr gleichen Jahres nach Malstatt versetzt worden war. Tschunky war seit 1830 mit Margarete John verheiratet, mit der er 4 Söhne und 2 Töchter hatte.

 

 

 

Die Scheidter Schulstelle an der allein existierenden Ev. Schule war immer mit dem Amt des Organisten und Küsters der Ev. Kirche verbunden. Die Stelle in Scheidt brachte bekanntermaßen nicht allzuviel ein und war außerdem mit ungeklärten Ansprüchen der St. Arnualer Stiftsverwaltung belastet.

 

 

 

Nach seiner 5jährigen Probezeit wurde Tschunky durch die sogen. "Competenz"1) vom 3.7.1840 ein Einkommen für das Jahr von 266 Th. (Thalern) 26 Sbgr.(Silbergroschen) 3 Pf. zugesprochen. Für die Wohnung im Schulhaus wurden ihm 24 Th. angerechnet. Bei rd. 400 Seelen im Dorf gingen im gleichen Jahre 31 Knaben und 38 Mädchen in die Schule in der "Gaß", und diese 69 Schul­kinder wurden in der 6 x 5 m großen Schulstube in drei Gruppen unterrichtet.

 

 

 

Tschunky wurde die gute Seele des Dorfes, richtete noch eine Sonntagsschule2) ein, legte eine Baumschule an, beantragte den Bau einer größeren Schule (1844 vor der alten (von 1736) erbaut), er war Berater und Mahner der Bürger und wurde von allen als untadeliger und gewissenhafter Lehrer gerühmt. Am 27.4.1860 bewilligte ihm der Gemeinderat als persönliche Anerkennung eine Erhöhung des Schulgeldes von 1 Th 5 Sbgr. 5 Pf. pro Kind und Jahr um 15 Sbgr. sowie eine Gehaltserhöhung von 10 Th. aus der Gemeindekasse.

 

Der Lehrer hatte nun seit 1845 das alte Schulhaus als Wohnung ganz für sich und unterrichtete in dem einstöckigen neuen Gebäu­de3) vor seiner Haustür.

 

 

 

Der Lehrer Fr. Tschunky erlebte in den 1½ Jahrzehnten, die ihm noch blieben, persönlich und mit der ganzen Gemeinde manches bewegende Ereignis:

 

 

 

1860 - Nach dem Vorschlag des Schulinspektors Pfr. Brandt soll die Vergütung für die Gras- u. Obstnutzung des Kirchhofes von 4½ auf 3½Thaler reduziert werden, weil der Lehrer darauf verzichte, wenn man die Aufsicht über den Kirchhof einem anderen übertrage.

 

1864 - Der älteste Sohn Friedrich ist auch Lehrer geworden und tritt seine 2. Stelle in Sulzbach an.

 

1865  - In der Schule wird der Vereinigung der ehemaligen Graf­schaft Nassau-Saarbr. mit dem Königreich Preußen ge­dacht.4)

 

1866 - Am 10.11. hält die Schule eine Friedensfeier nach dem Deutsch-Österreichischen Krieg ab.

 

1868 - Am 17.8. genehmigt die Regierung eine den 31. Jan. vom Gemeinderat beschlossene Gehaltszulage von 20 Th.

 

1869 - Der OrganistTschunky sitzt an der Orgel, als am 18. April der neue Scheidter Pfr. Lichnock seine Antrittspredigt hält und somit seit der Reformation in der Grafschaft von 1575 der Ort Scheidt wieder eine selbständige Pfarrei wird.5)

 

1870 - auf Betreiben des Müllers Heinrich Groß und des Lehrers Tschunky bekommt die Kirche nach dem Wiederaufbau von 1737/38 endlich einen schönen großen Turm.

 

-Am 9. August winkt der Lehrer mit seiner Klasse dem Preu ßi­sehen König Wilhelm zu, der dann am 18. Jan. des folgendes Jahres in Versailles zum 1. Deutschen Kaiserdes 2. Reiches gekrönt wird (Er fuhr mit der Kutsche von Homburg über die Kaiserstraße nach Saarbrücken.).

 

-Vom 10. September bis 6. November wird die Schule wegen der Rinderpest geschlossen. Auch der ganze Viehbestand des Lehrers, 2 Kühe und 1 Kalb, wird erschossen.

 

1871 - Am 16. April wird an der Giebelseite6) der Schule die sogen. „Kaiserlinde" gepflanzt, vom Müller u. Ortsvorsteher H. Groß gestiftet. Nach dem Gesang „Lobe den Herrn" hält der Orts­pfarrer Lichnock eine Ansprache, in der er betonte, daß die Linde zum Andenken an die Errichtung des Deutschen Kai­serreiches gepflanzt sei und kommende Generationen an die von uns durchlebte große Zeit erinnern soll. Unter Gloc­kengeläut wird zum Schluß „Nun danket alle Gott" ange­stimmt.

 

1871 - Am 7.6. begeht Tschunky mit seinen Kindern eine Frie­densfeier in der Schule.

 

Mit den Dudweiler Schulklassen feiert die Scheidter Schule den „Tag von Sedan" am 2.9.. Man trifft sich im St. Johanner „Johannisbüsch"7), wo gemeinsam Lieder gesun­gen und kleine Geschenke an die Kinder verteilt werden. Tschunky hält eine Ansprache über die Bedeutung des Tages von Sedan.8)

 

1872 - Am 1.1. muß in den Schulen das neue Maß - u. Münz­system eingeführt werden: das Meter anstatt Elle u. Fuß, der Quadratmeter anstatt Ruthe u. Morgen, das Liter anstatt Milster, das Kilogramm anstatt Malter, die Mark anstatt Thaler u. Silbergroschen.

 

 

 

Als J.G.F. Tschunky schließlich 70 Jahre als geworden war, dach­te er so langsam ans Aufhören in der Schule und an den Rücktritt von seinen vielen Pflichten. Am 13.7.1873 wurde das 50jährige Jubiläum des Lehrers Tschunky festlich begangen. Da ihn wenig später auch der Tod ereilte, sollen beide bewegende Ereignisse mit den Worten der Schulchronik wiedergegeben werden:

 

 

 

(Ich übernehme den Text wörtlich in der Schreibweise der Zeit)

 

 

 

"Der eigentliche Tag, an dem Tschunky zum ersten Male Schule gehalten hatte, war der 12. Juli. Um eine größere Beteiligung herbeizuführen, war der 13., ein Samstag, zur Feier ausersehen wor­den. Im Jahre 1823, am 12. Juli, war dem Jubilar die Schule des verstorbenen Vaters, des Kantors zu Ottweiler, übertragen wor­den.

 

Es erhob sich zunächst die Frage, ob von der Anstellung oder von der ersten Tätigkeit in der Schule die Zeit zu rechnen sei, nach der sich das Jubiläum richte. Die Königliche Regierung entschied sich r die Rechnungsweise, daß von der Verwaltung an zu rechnen sei, und ein Reskript des Ministers der Geistlichen-, Unterrichts­ u. Medicinalangelegenheiten brachte diesen Grundsatz zur allge­meinen Kenntniß.

 

Der Gesangverein „Eintracht" von Dudweiler brachte dem Jubilar ein Ständchen am 12. dar, dem sich ein Fackelzug anschloß. Am

 

13. Juli versammelten sich die Festgenossen im Karcherschen (jetzt L. Regitz) Saale9). Von hier zog man geordnet zum Schul­haus, wo selbst der Jubilar von dem Beringsschulinspector Pfr. Brandt aus Dudweiler, dem Lokalschulinspector Pfr. Lichnock und dem Bürgermeister Klein von Brebach abgeholt und in die Kirche geleitet wurde.

 

Die Lehrer, welche zahlreich erschienen waren, umstellten in groß­em Kreise den Altar, vor dem der Jubilar und der Schulinspector Brandt Platz genommen hatten.

 

Nach dem Gesang des 1. Verses von „Lobe den Herrn" hielt Pfr. Brandt eine Ansprache bewegten Herzens an den Jubilar und hob in derselben hervor, mit welch großer Treue gegen König, Vater­land und Gemeinde der Jubilar seines Amtes als Lehrer gewartet, wie er besonders den Küsterdienst und das Organistenamt als Herzenssache, als einen Gottesdienst behandelt, wie er darum allezeit die Anerkennung seiner Vorgesetzten und die Liebe der Gemeinde gefunden habe. Dem Herrn die Ehre - ihm der Dank; das sei gewiß die Grundstimung des Jubilars.

 

Als sichtbares Zeichen der Anerkennung heftete ihm der Schulin­spector die Insignien des „Hausordens v. Hohenzollern"10) an und verlas die Verleihungsurkunde und zugleich den Dank der Regierung für Pflichttreue und Eifer. Den Schluß bildete der Gesang des Verses „Lobe den Herrn, der deinen Stand sichtbar gesegnet".

 

Alsdann begaben sich alle in den Karcherschen Saale, wo nach dem Liede „Dies ist der Tag des Herrn" von Seiten des Scheidter Gesangvereins11) der Bürgermeister dem Jubilar ein Geldge­schenk des Gemeinderathes von 50 Thalern überreichte.

 

Die Lehrer sangen hierauf „Ach bleib mit deiner Gnade" vierstim­mig, und Lehrer Specht von Dudweiler ergriff im Namen seiner Kollegen der Inspectionen Dudweiler, Saarbrücken und S1. Johann das Wort, indem er seiner besonderen Freude Ausdruck gab, daß er, als persönlich mit dem Jubilar befreundet, der Dolmetscher kollegialer Teilnahme und Freude sein dürfe. Er überreichte einen prächtigen Sessel und wünschte, daß der Jubilar nach gethaner Arbeit den müden Leib, der im Alter mehr der Ruhe bedürfe, besser ausruhen lassen könne und dereinst die ewige Ruhe erlange.

 

Nach dem Gesange von „Harre, meine Seele" sprach Pfarrer Lich­nock also: „ ...Im Namen der Kirchen-u. Schulgemeinde begrüße auch ich Sie, verehrter Herr Jubilarius, zu Ihrem heutigen Festtage.

 

Sie begehen Ihr 50jähriges Amts-Jubiläum. Wir denken bei dem Worte "Jubiläum" fast nur an Jubel und Freude. Es hat dies Wort aber ursprünglich eine andere Bedeutung; es kommt her von dem hebräischen Wort Jobal, zu deutsch "Posaune", mit der das Heils­jahr, das alle 50 Jahre wiederkehrte und den israelitischen Sklaven die Freiheit, dem seines Grundes und Bodens verlustig gegangenen Hebräer den früheren Besitz wiederbrachte, im ganzen Lande angeblasen werden mußte.

 

Jubel sei auch dieses Jahr - ! Ein Jahr, dessen Schall das ganze Land durchdringt. Es sollte das "Halleluja", wie Luther das Wort treffend übersetzte, ein Sinnbild sein, daß Israel ein Volk von Brü­dern sei, das nicht der Menschen Knechte werden sollte ... Das war ein stets mahnendes Vorbild des großen Weltjahres der Erlö­sung, wo alle Knechtschaft gelöst, alle Schuld getilgt, alles Verlorene wieder gewonnen werden und ein neues Weltalter beginnen soll - eine Sichtbarmachung und ein Vorgeschmack der seligen Ruhe, die dem Volk Gottes vorbehalten ist.

 

Fünfzig Jahre sind heute verflossen, seit sie zum ersten Male die Last und Lust ihres Amtes gekostet haben. Ein durch die Gemeinde hallendes Fest ist ihr Jubiläum geworden; denn es hat Ihre Freude, daß der Herr Sie bis hierher gebracht und freundlich geleitet, in den Herzen aller einen freudigen Widerhall gefunden.

 

Hat doch der größte Teil der Gemeinde von Ihnen zumeist seine Bil­dung erhalten. bis auf die Ältesten und Eingewanderten sind sie alle unter ihrem Stabe und Wehe hindurchgegangen und bewahren Ihnen für ihre Treue und ihren Pflichteifer ein dankbares Gedächtniß.

 

Nicht minder hat Ihr Dienst in der Kirche uns zu herzlichem Dank verpflichtet. In stetem Einvernehmen mit ihren Pfarrern haben sie des Kirchendienstes als einer Herzenssache gewartet. und, wie sie selbst zu Ihren Pfarrern standen, so sind sie auch denselben lieb und wert geworden.

 

Der Herr unser Gott vergelte Ihnen alle Treue und Liebe nach seiner Gnade reichlich und gebe Ihnen einen freundlichen u. friedlichen Lebensabend! -Und so bitte ich Sie denn, indem ich Ihnen nochmals den Dank der Schul - u. Kirchengemeinde für langjährige treu geleistete Dienste ausspreche, als kleines Zeichen unseres Dankes mit Freundlichkeit anzunehmen: das Leben Martin LUTHERS in Bildern von König; des Mannes also, der nicht nur als Reformator der Kirche, der auch im Schulwesen eine weitreichen­de Bedeutung erlangt hat. Möge Ihnen sein Wort: "Lieber, laß es der höchsten Tugend eine sein auf Erden, fremden Leuten ihre Kinder treulich ziehen, welches gar wenig und schier niemand thut an seinen eigenen ... " aus dem Herzen geredet sein und wie bisher, so auch ferner Ihre Losung sein -Sodann überreiche ich Ihnen ­oder vielmehr ich weise sie hier auf die andere Gabe, die dort an der Wand hängt (eine schöne Wanduhr, der Verf.) und uns bei unserem heutigen Zusammentreffen die Zeit angeben soll.

 

Erinnert die Gabe Sie und uns an den unscheinbarsten Theil ihres Kirchendienstes, so wollen wir an des Herren Wort gedenken: "Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu". Wie sie mit ihrem Weiser die flüchtige Zeit bezeichnet, so sei sie Ihnen eine freundliche Mahnung an das königliche Wort:

 

"Meine Zeit in Unruhe, meine Ruhe in Gott".

 

 

 

Dies war nun eine für unseren Geschmack ziemlich schwülstige, wenn auch sicher gutgemeinte Rede, gehalten vor fast 120 Jahren in "Maurers Wirtschaft" an der Kaiserstraße. Danach setzte man sich endlich zum Festmahl, dessen Folge nicht aufgezeichnet ist, aber es wird sicher im Geschmack der Zeit sehr reichhaltig und fettreich gewesen sein.

 

Während des Mahles erhob sich zuerst der Bürgermeister Klein, um ein Hoch auf "Kaiser Wilhelm, den Siegreichen" auszubringen. Danach erhob sich die ganze Festgesellschaft, um gemeinsam "Heil dir im Siegerkranz" anzustimmen. Kollegen des Jubilars, der Vertreter des verhinderten Landrates, der Schulinspektor IIse, Bürger, die einmal seine Schüler waren: sie allen kamen mit Toasts, Lobreden und Gedichten zu Wort, wo­bei auch die gute Frau Tschunky nicht zu kurz kam. Im Laufe dieses Nachmittags wurden noch folgende Geschenke überreicht: ein Pfeifenbrett mit 2 Pfeifen, ein Tabakkasten mit Aschenbecher, eine Zeitungsmappe, ein Teppich und eine Pracht­bibel.

 

Als man spät am Abend voneinander schied, war allgemein der Wunsch zu hören, daß dem Jubilar noch viele Jahre in Friede und Freude beschert sein mögen. Leider sollten die guten Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Im Laufe des Sommers 1873 stellten sich asthmatische Beschwerden ein. Aber noch 4 Monate hielt Tschunky eisern durch. Ende Oktober nahm er noch an der Beerdigung seines alten Freundes und Kollegen Müller, Lehrer in Wahlschied, teil. Am Sonntag, dem 2. November, Reforma­tionstag, spielte er im Gottesdienst zum letzten Mal die Orgel, ge­zeichnet von einer beginnenden Lungenentzündung.

 

 

 

Am 11. November starb Tschunky, morgens um 3 Uhr.

 

Am 13. November, nachmittags um 14 Uhr, geleiteten ihn seine Kol­legen und Freunde und fast die ganze Gemeinde zur letzten Ruhe. Nur wenige Schritte von seiner Wirkungsstätte, auf dem Friedhof hin­ter der Kirche, dicht vor der Kirchhofsmauer, fand er sein Grab.

 

 

 

Die Grabrede des Pfarrers Lichnock ist uns erhalten:

 

"Heute sind es gerade 4 Monate, daß wir unter herzlicher Teilnah­me der Gemeinde, vieler Amtskollegen und seiner Freunde das 50jährige Amtsjubiläum des Entschlafenen feierten.

 

Wer von uns hätte nicht damals dem lieben alten Freunde Aus­spannung und einen stillen friedlichen Lebensabend gewünscht? Ist er doch mehrmals an jenem Tage angedeutet und ausgespro­chen worden.

 

Aber des Entschlafenen Willen war, zu wirken, so lange es Tag ist. Darum hat er sich aufgezehrt im Dienst an der Jugend dieser Ge­meinde und der Kirche, und heute umstehen wir zahlreich, teilneh­mend und mittrauernd mit der tiefgebeugten Wittwe, den klagen­den Kindern und Verwandten sein Grab und bekennen es willig: wir haben durch seinen Heimgang viel verloren; er hat mit dem besten, was er hatte, uns allen willig gedient.

 

Und wenn wir nach einem Worte suchen, das unseren Gefühlen, unserem Glauben und Hoffen den rechten Ausdruck gibt, so ist es das Wort des Herrn, welches der Heiland Matth. 25,21 zu den Knechten im Gleichnisse redet, der mit den erhaltenen 5 Talenten andere 5 gewonnen hat ­

 

Ei, du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen; ich will dich über viel setzen, gehe ein zu deines Herrn Freude!"

 

Das ist ja unter allen schätzenswerten Eigenschaften, die der Seelige besessen, die hervorstechendste gewesen, daß er von den Gaben, die ihm verliehen waren, allezeit seinen gewissenhaften treuen Ge­brauch machte. Das ist's, worauf Gott allein sieht, und das schließlich bei Menschen den Ausschlag gibt. Denn die Größe der Gaben hängt nicht von uns ab; sie sind uns von Gott gegeben. Die Treue ist unsere Leistung, die uns Gott gefällig und den Menschen werth macht.

 

50 Jahre hat er sein Amt in Schule und Kirche verwaltet, 2 Jahre als Stütze der elterlichen Familie, 7 Jahre im Dienste der Gemeinde Wahlschied und 39 Jahre in dieser Gemeinde. Es war sein eifriges Bemühen, die Kinder in der Zucht und Vermahnung des Herrn zu erziehen. Als eifriger Lehrer war ihm nichts mehr zuwider, als der gerinste Mangel an Disziplin. Was er in diesem Bestreben etwa zuviel gethan hat, das hat er auch den vielen dankbaren Schülern und Schülerinnen zugute gethan. Ihr werdet es ihm nicht vergessen, daß er euch mit Macht zu Menschen erziehen wollte, die Gott gefällig und den Menschen werth sind.

 

Am Jubiläumstag haben wir viele Zeichen der Dankbarkeit erblickt und manches Wort der Zuneigung vernommen.

 

Die vorgesetzte Behörde hat ihm damals ihre vollste Zufriedenheit ausgesprochen und ihm ein sichtbares Zeichen der Anerkennung für seine treuen Dienste verliehen. Seine Kinder zu fördern ließ der liebe Freund sich nicht nehmen. Trotz der auf eine geringere Unterrichtszeit festgelegten Stunden, hat er dieselbe um 7 Stunden wöchentlich überschritten, damit er die große Schar der Kinder in getrennten Ab­teilungen unterrichten und zu dem erwünschten Ziele führen könne. Alle Vorstellungen, auf die eigene Gesundheit bedacht zu sein, halfen nichts; „die Kinder müssen etwas Ordentliches lernen“, war seine stete Antwort. Und man mußte ihn seinen eigenen Weg gehen lassen. So arbeitete er auch dann noch frisch und mutig weiter, als das Leiden, dem er erlag, ihn schon behinderte. „Wenn ich wieder gesund werde", sprach er, „muß ich das Amt niederlegen, ich bin fertig".

 

Aber in anderem Sinne sollte sich sein Geständniß erfüllen. Er war fertig; sei ne Lebenskraft war erschöpft - er war fertig, wie wir hoffen und glauben, um als reife Garbe in die ewigen Scheuern einge­bracht zu werden.

 

Der Teuere war keine von den Naturen, die, was sie im innersten Herzen von Gottes Gnade erfahren haben, einen jeden lesen las­sen; er war in dieser Beziehung eine mehr verschlossene Natur, dem Praktischen zugewendet.

 

Aber wer mit ihm in nähere Berührung kam, der erhielt den Ein­druck, daß er ein Mann von ungeheuchelter Frömmigkeit und Lau­terkeit sei. Wie konnten dann seine Augen glänzen, wenn er in dieser Beziehung sich aufschloß, wenn er von seiner kindlichen Frömmigkeit Zeugnis ablegte oder betrübt wurde, wenn er von dem Abnehmen des Glaubens, der Zucht und der Sitte sprach.

 

Und damit stimmte sein Verhalten als Küster und Organist der Gemeinde überein:

 

AUCH DAS KLEINSTE WAR IHM EIN WICH­TIG DING, WEIL ES ZU EINEM GROSSEN WERK GEHÖRT.

 

So hat er 39 Jahre gewirkt als frommer und getreuer Knecht. Mit beendetern Unterricht. geschlossenem Gottesdienst war seine Thätigkeit nicht beendet. Allen Ereignissen in der Gemeinde trat er nahe. suchte durch Wort und Werk des Gemeinde Bestes zu fördern. Wo er rathen und helfen konnte, geschah es mit Freuden, daß wir ihn wohl mit Recht den Vater der Gemeinde Scheidt nennen dürfen.

 

In Bescheidenheit suchte er allen zu dienen. Zu dienen war sein Stolz, und damit hat er des Heilandes Sinn getroffen.

 

DER NICHT KAM, UM SICH DIENEN ZU LASSEN, SONDERN UM ZU DIENEN.

 

Viel haben wir an ihm verloren, vor allem seine gebeugte Wittwe. seine trauernden Kinder. denen er allzeit ein hingebender Freund und Versorger gewesen war.

 

Wohl hatte er keine glänzende Stellung; die ist nur weniger Los. Reich aber war des Entschlafenen Aussaat dienender Liebe, und doch war im Grunde das alles nur wenig. Wir verlassen uns auf des Herrn Wort: „Ich will dich über viel setzen - die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich" (Dan. 12.3:)

 

Der treue Herr sei Berater und Versorger der tr. Ehegefährtin des Entschlafenen, er trage sie in Liebe bis in ihr Alter. Er sei der kranken Schwester nahe, die ihrem Bruder bald nachfolgen möchte und gebe ihr ein seliges Stündlein. Er lasse für die Kinder das Vorbild des Vaters fruchlbar werden und erhalte in dieser Gemein­de das Gedächtnis des Heimgegangenen im Segen!

 

Uns allen aber mahne das Bild des Entschlafenen zu rechter Treue und Frömmigkeit, daß wir auch einmal aus des Herren Munde hören dürfen:

 

Ei, du frommer und getreuer Knecht,

 

du bist über wenigem getreu gewesen,

 

ich will dich über viel setzen,

 

gehe ein zu deines Herren Freude!"

 

 

 

Soweit die Worte der bewegenden Grabrede, die einen besonde­ren Mann ehrte.

 

 

 

Am 17. Januar 1878 wurde die Witwe Tschunky zu Grabe getra­gen, die bis zu ihrem Tode bei ihrer Tochter in Schnappach wohnte.

 

 

 

Mehr als 1 Jahrhundert ist seit diesen Ereignissen vergangen. und niemand erinnert sich mehr des segensreichen Wirkens des Dorflehrers Johann Georg Friedrich Tschunky.

 

 

 

Mögen diese Zeilen -wie in der Schulchronik gesagt - das Ge­dächtnis des Heimgegangene in dieser Gemeinde "im Segen" halten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen:

 

1)    Competenz =-Aushandeln aller Leistungen durch die zuständigen Stellen

 

 

 

2)    Sonntagsschule = 1 Std. nach dem Gottesdienst: Unterweisung für Analphabeten.

 

 

 

3)    Diese 2. Scheidter Schule wurde 1874 um 1 Saal aufgestockt.

 

 

 

4)    Vereinigung am 30.11.1815 (nach dem 2. Pariser Frieden).

 

 

 

5)    Nur wenige Jahre zu Anfang des 30. jähr. Krieges war Scheid! selbständige Gemeinde.

 

 

 

6)    Die Linde wurde wieder entfernt. als nach 1900 auf dieser Dorfseite eine Toilette angebaut wurde.

 

 

 

7)    Johannisbüsch, der Walddistrikt des Geländes der heutigen Universität d. Saarlandes.

 

 

 

8)    Gefangennahme Napoleons.

 

 

 

9)    Karcher baute nach 1850 das spätere "Gasthaus Maurer", heute die "Eck".

 

 

 

10) Hausorden für besondere Verdienste „..... um die heranwachsenden künftigen Geschlechter .. ...“ gestiftet 1841,

 

 

 

11) Scheidter Gesangverein - Der sogen. "Alte Verein" wurde 1871 gegründet und bestand bis zu seiner Zwangsauflösung 1935.

 

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