Rainer Titze

 

Die Dudweiler Volksschulen in der Nachkriegszeit

 

 

 

1. DIE SCHULORGANISATION

 

 

 

1.1 Vorgeschichte (1912-1944)

 

Nachdem zu Ostern 1923 die katholische Volksschule Dudweiler geteilt worden war in Kath. Knabenschule (Rektor N. STRUPP) und Kath. Mädchenschule (Rektor Peter HERRMANN), hatte Dudwei­ler 4 Konfessionsschulen, getrennt nach Knaben und Mädchen, evangelischen und katholischen.

 

Am 9. 4.1937 wurde im Gau Saarpfalz die Gemeinschaftsschu­le eingeführt. Zwischen den Konfessionsschulen wurden die Lehrpersonen und Schüler/innen ausgetauscht, so daß die Mädchen­schule 5 evangelische und 6 katholische Lehrpersonen besaß sowie 214 evangelische und 347 katholische Mädchen. Auch in dieser Gemeinschaftsschule blieben Knaben und Mädchen wei­terhin getrennt, d.h. eine eigentliche Koedukation fand noch nicht statt. So waren in Dudweiler 4 Schulbezirke entstanden (IV):

Schulbezirk   1      Rektor

ROTHFUCHS

(ehem. Evgl. Knabenschule)

               2      Rektor

STRUPP

(ehem. Kath. Knabenschule)

               3      Rektor

SCHRÖOER

(ehem. Kath. Mädchenschule) M II

               4      Rektor

NEUMANN

(ehem. Evgl. Mädchenschule) M I

 

Mit dem Schuljahr 1942/43 wurde außerdem die HAUPTSCHULE eingeführt (nicht zu verwechseln mit der heutigen Hauptschule). Geeignete Schüler/innen, welche diese Schulform besuchen woll­ten, mußten gegen Ende des 4. Schuljahres eine Eignungsprüfung ablegen, die laut Lehrer R. Pfeiffer vor allem auf gute Sportnoten Wert legte. Das Ergebnis für die Volksschule (Bürgerschule) war, daß sie jetzt nicht nur an die Mittelschulen und Gymnasien, son­dern auch an die Hauptschule die begabten Schüler/innen verlor. Dadurch wurde sie bereits schon damals zur „Restschule" mit ei­nem hohen Prozentsatz solcher Schüler/innen, die das 8. Schul­jahr und damit den Volksschulabschluß nicht erreichten.

 

 

 

Über die Einführung dieser Hauptschule in Dudweiler schreibt Schulleiter BAUER im Oktober 1943 bei Übernahme der Mädchen­schule I:

 

 

 

„Infolge Errichtung der Hauptschule muß das System die Adolf-Hitler-Schule1), wo die Mädchenschule bisher unterge­bracht war, räumen ...Die großen Bänke, Kartenständer, Lehrmit­tel, alles wird von der Hauptschule beansprucht, weil neue Sachen heute nur schwer zu beschaffen sind. Mit einem Wort: Die Haupt­schule ist vollständig auf Kosten der Mädchenschule errichtet wor­den" (III/3).

 

 

 

Doch dann kam das Jahr 1944, und nach der Invasion der Alliierten in der Normandie und ihrem Vormarsch nahmen die Luftangriffe immer mehr zu.

 

Rektor STRUPP:

 

 

 

„Infolge der häufigen Fliegeran­griffe war der Unterricht unregelmäßig ... Gegen Ende des Schul­jahres war der Unterricht freiwillig. Als Unterrichtsraum dienten Zimmer bei Privatleuten, Bunker, Luftschutzräume".

 

 

 

Ein Dudweiler Lehrer arbeitete mit seinen Schülern in einer Gaststätte in der Scheidterstraße, um sie „auf das Gymnasium nach dem Krieg vor­zubereiten" (2) .

 

Bis zum Einmarsch der Amerikaner am 21.3.1945 blieben die Schulen geschlossen. Von der Hauptschule, die unter ihrem Leiter Rektor KOPPELKAMM im Sommer 1944 nach St. Wendel verlegt worden war, sprach bei Schulwiederbeginn, am 1.10.1945, niemand mehr. Etwas anderes bereitete sich vor.

 

 

 

1.2 Die Wiedereinführung der Konfessionsschule

 

Bereits am 1.7.1945 richtete die (Dudweiler) katholische Pfarrei „Maria Himmelfahrt“ unter Pfarrer BERSCH an die Militärregierung die Bitte, die Konfessionsschule wiedereinzuführen. Nach Darstel­lung der Unterzeichneten sei es „höchstes Anliegen unserer Be­völkerung, daß unsere Jugend wieder in echt christlichem Geist erzogen wird, wie ihn die Konfessionsschule vermittelt"3). Auch von evangelischer Seite aus - durch die Kirchengemeinden Saar­brücken und St. Johann -, wurde im September 1945 dieser Antrag gestellt.

 

Am  21.9. dann erließ Militärgouverneur Grandval folgen­de Verfügung an das saarländische Regierungspräsidium:

 

 

 

„Über­all, wo die Möglichkeit geboten ist, werden die konfessionellen Schulen in der vor 1933 üblichen Form wieder eingerichtet. Falls die sich darbietenden Schwierigkeiten (Raum- sowie Personal­mangel) die Wiederaufnahme der konfessionellen Schule nicht erlauben sollten, wird die Gemeinschaftsschule eingeführt" 4).

 

 

 

Was ursprünglich von französischer Seite befürwortet wurde, im Saarland eine überkonfessionelle Gemeinschaftsschule einzufüh­ren, in der nur ein fakultativer Religionsunterricht angeboten wer­den sollte, war damit hinfällig geworden. Zu dieser schnellen und folgenreichen Meinungsänderung, die dazu führte, daß bis zur Ein­führung der Christlichen Gemeinschaftsschule im Jahre 1968 an den meisten Orten im Saarland katholische und evangelische Schulen nebeneinander existierten, schreibt Rolf Wittenbrock:

 

 

 

„Damit ist festzustellen, daß die Militärregierung ihre Interventions­möglichkeiten bei der Neugestaltung des Schulwesens keineswegs ausnutzte, sondern vielmehr dem Regierungspräsidium um­fangreiche Handlungsfelder übertrug" 5).

 

 

 

Für Dudweiler hieß dies, daß ab dem 1.10.1945 wieder vier verschiedene Schulsysteme aufgebaut werden mußten. Aber da­für mußten erst einmal die nötigen Räumlichkeiten gesucht wer­den.

 

 

 

2. DIE SCHULHÄUSER IN DUDWEILER

 

 

 

2.1 Die Vorgeschichte (IV)

 

Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1.9.1939 wa­ren sämtliche Dudweiler Schulhäuser durch die deutsche Wehr­macht belegt worden. Erst am 15.11.1939 konnte der Unterricht darin aufgenommen werden. Zu diesem Zwecke wurde „vorerst das neue Schulhaus (Turmschule), später das Markt­schulhaus und Kirchenschulhaus freigegeben".

 

Beim ersten feindlichen Fliegerangriff auf Dudweiler, in der Nacht vom 16. auf den 17.9.1940, kam es noch nicht zu Schä­den an den Schulgebäuden, jedoch „in der oberen Fischbach­straße", wo „3 Sprengbomben fielen, die ein Doppelhaus … zerstör­ten".

 

„In der Nacht vom 29. auf den 30.7.1942 erlebte die Stadt Saar­brücken und die Umgebung einen großen feindlichen Fliegeran­griff". In Dudweiler wurde dabei eine größere Anzahl Brand- und Sprengbomben abgeworfen. Haus- und Dachbrände entstanden in der St. Ingberter Straße, Löbelstraße und oberen Scheidter­straße. Am nächsten Tag „sammelten die Schüler die abgewor­fenen Flugblätter und Brandplättchen".

 

Auch während des Schuljahres 1942/43 waren die Schulhäuser glimpflich davongekommen. Die Luftangriffe wurden jedoch mit jedem Kriegsjahr häufiger, und auf Anordnung des Gauleiters BÜRCKEL mußte ab Juni 1944 in allen Schulen beim Ertönen der Luftschutzsirenen der Unterricht ausgesetzt werden, und die 2165 Dudweiler Schüler und Schülerinnen wurden von den wenigen noch an der Schule tätigen Lehrpersonen in die Luftschutzbunker geführt. Gegen Ende des Schuljahres 1943/44 „war der Unterricht für die Schüler freiwillig".

 

Durch Fliegerangriffe und Beschuß durch Artillerie im Herbst 1944 „waren sämtliche Schulhäuser beschädigt worden, und zwar am meisten das neue Schulhaus (Turmschule) ... Weihnachten 1944 erhielt das Haus vier Treffer. Eine Granate zerstörte das Klassenzimmer Nr. 12 im Erdgeschoß. Zwei Granaten schlugen in das Dachgeschoß ein. Schnee und Regen richteten allerlei Zerstörungen im Haus an."

 

Beim Einmarsch der Alliierten, „am 21.3.1945, 17 Uhr 30" (III), besetzten zunächst amerikanische und später französische Truppen das Turmschulhaus und „benutzten es als Kaserne". Erst ab Oktober 1946 sollte es wieder für Unterrichtszwecke zur Verfügung stehen.

 

 

 

2.2 Die Schulhäuser in den Nachkriegsjahren

 

Beim Schulneubeginn, am 1.10.1945, standen für 42 Klas­sen (24 kath. und 18 evgl.) nur 3 Schulhäuser mit 16 notdürftig hergerichteten Sälen zur Verfügung

Das Marktschulhaus „war infolge von Kriegseinwirkungen noch nicht wieder bezugsfähig". Das Schulhaus in der Rehbachstraße „war bereits Jahre vorher wegen Grubensicherheit von der Berg­behörde zum Wohnhaus umgebaut worden, ...ebenso das Schul­haus in der Wilhelmstraße und das ehemalige Scheidterschul­haus" (I/7). Das ehemalige französische Schulhaus war am besten erhalten (1991 beherbergt es die HS Mühlenschule). In diesem einen Gebäude wurden 3 Schulsysteme untergebracht mit über 1700 Kindern. Im Wechselunterricht (im Schülerjargon „Schicht­arbeit" genannt) wurden diese 3 Systeme folgendermaßen unter­richtet:

 

 

 

von 9 -12 Uhr: Kath. Knabenschule,

 

von 12 -15 Uhr: Kath. Mädchenschule,

 

von 15 -17 Uhr: Evangelische Mädchenschule.

 

 

 

In der folgenden Woche dann „rollierten" die Systeme. und die katholischen Mädchen begannen um 9 Uhr und die Knaben z.B. erst um 15 Uhr. Als am 31.5.46 die evangelischen Knaben die Säle im Sudschulhaus aufgeben mußten, weil die Kosten für die dortige Gasheizung zu hoch waren, waren es sogar 4 Systeme, die sich in die Mühlenschule teilten. Im Laufe des Jahres 1947 befanden sich die 4 Systeme im Wechselunterricht in der Turmschule. Nach notdürftigen Reparaturen fand man Dudweilers Schulkinder am 1.6.1948 an folgenden Stellen:

 

 

 

533 evgl. Mädchen in der Mühlenschule

 

580 evgl. Knaben in der Turmschule

 

714 kath. Knaben in der Turmschule

 

733 kath. Mädchen in der Marktschule und Mühlenschule.

 

 

 

Die katholischen Mädchen durften nur 6 Säle im linken Flügel des Marktschulhauses benutzen. Im rechten Flügel waren in 2 Sälen die Klassen französischer Kinder, und der „Zutritt zu den 4 Sälen darüber" war jedem „durch Treppenabschluß verwehrt". Nun, Dud­weiler war eben noch immer „besetzt".

 

 

 

2.3 Die Einrichtung der Schulhäuser

 

Wie sah es damals aus in diesen 3 Schulhäusern, die von der Ge­meindeverwaltung für beziehbar erklärt worden waren? Übereinstimmend berichten die Chronisten von der „kriegsmäßig vernach­lässigten Innenausstattung der Klassensäle mit ihren abgebröckel­ten Kalkwänden" nicht nur im Mühlenschulhaus. Die Saaldecken sahen ebenso grau aus wie der aufgerissene Fußboden. Türen, Dielen und Fußleisten waren herausgebrochen und als vorzügli­ches Anmachholz verheizt worden. Die Fensterscheiben waren ent­weder zerbrochen, oder man hatte sie entkittet und ausgebaut, um sie am eigenen Häuschen zu verwenden. Es gab ja nirgendwo Glas zu kaufen. Ein Klassenfenster schien die richtigen Maße fürs eigene Zimmer gehabt zu haben, denn man hatte gleich beide Flügel ausgehängt und den Rahmen ebenfalls mitgehen lassen.

 

Als im Herbst 1945 der erste Kälteeinbruch kam, mußten die älte­ren Schüler die fehlenden Scheiben durch Pappe und Sperrholz ersetzen, wonach sie „wie weiland die Schildbürger in ihrem neuen Rathause" auch mittags in traulichem Dämmerlicht saßen (III). So sah er damals aus, der „lernzielorientierte Arbeitslehreunterricht" der Nachkriegszeit.

 

Und dann die Schulbänke! Ein Chronist nennt sie „Veteranen ihrer Zeit, die greisenhaft hin und herschwanken". Die meisten dieser Bänke mußte man erst aus Kellern und Speicherluken zusammen­suchen, „wo sie ein gütiges Schicksal vor dem Feuertod bewahrt hatte". Als in den Umzugsferien, am 28. und 29.10.1946 die beiden Knabensysteme in das geräumte Turmschulhaus umzie­hen wollen, „können wegen fehlender Bänke nicht alle Säle be­nutzt werden", so daß auch hier noch immer Wechselunterricht eingerichtet werden muß (I/15).

 

Ab Mai 1947 befinden sich alle 4 Schulsysteme im Wechselunter­richt im Turmschulhaus, weil Koks gespart werden muß und bereits um 1 Uhr die Heizung abgestellt wird. Während dieser Zeit können die Mühlenschule und das Kirchenschulhaus repariert werden. „Als aber im Frühjahr 1947 die Kälteperiode vorbei und die Müh­lenschule neu getüncht war", beklagte sich Rektor Brückner, „sind die beiden Mädchensysteme in dieses Schulhaus zurückgewan­dert - unter Mitnahme der besten Bänke".

 

Im Jahre 1947 konnten endlich auch in der Turmschule „in allen Schulräumen die Pappscheiben durch Fensterglas ersetzt wer­den, so daß die Räume heller und auch freundlicher wirkten trotz des alten Iöcherigen Verputzes" und trotz der alten Bänke, die jedoch bei weitem nicht ausreichten für diese Schülerzahlen (II).

 

1947 wurden für alle 4 Schulsysteme zusammen nur 20 neue Bän­ke geliefert, „obwohl wir bei der hohen Schülerzahl (51 bis 63 pro Klasse) insgesamt noch 500 Bänke benötigten. Die alten und wackligen Bänke in der Turmschule konnten zum Teil noch repa­riert werden, und so zieren die verschiedensten Bankmuster die Klassenräume, an deren Wände noch allerlei getünchte Kriegsbil­der und Sprüche prangen als warnendes Mahnmal einer friedlosen Epoche". (I/15)

 

 

 

2.3 Lehr-und Lernmaterial

 

Jetzt hätte eigentlich der Unterricht beginnen sollen. Aber fast alle Lehr-und Lernmittel waren aus den Schulen verschwunden. Für die leeren Bänke mußten die Kinder Tintenfässer von zu Hause mitbringen, denn ein Füllhalter war damals ein unerschwinglicher Luxus, und die Kugelschreiber (pardon, die Dauerschreiber) waren noch nicht im Handel und hatten die üble Angewohnheit auszu­laufen.

 

Die optischen und elektrischen Geräte der Naturlehresammlung „mögen den Weg auf den Schwarzmarkt gefunden haben oder in die Hände erfindungsreicher Bastler".

 

Auch alle Bücher aus den Schulbibliotheken wurden wahrschein­lich zweckentfremdet, denn niemand hatte damals Ölheizung, und Toilettenpapier gab es nicht einmal auf Bezugsschein.

 

Erdkundeunterricht? „Eine junge Mutter aus der Saarbrücker­ Straße war besonders erfindungsreich und hatte zwei Landkarten von Großdeutschland in ihrer Waschbütte eingeweicht, bis das Papier sich ablöste" und von der ganzen tausendjährigen Herr­lichkeit nur noch grauer Nesselstoff oder Leinen zurückblieb. Sym­bolträchtig nähte sie daraus Windeln und Strampelhöschen für ihre Kleinen. (I)

 

Ein kleines I-Männchen des Jahres 45 fiel dem Rektor dadurch auf, daß es sich bereits am ersten Schultag so vorzüglich in den Räumlichkeiten des Schule zurechtfand. Deshalb befragt, erzählte das Kerlchen ganz ohne Scheu und voller Stolz, daß es oftmals von seiner Mutter ins Schulhaus geschickt worden sei, um nach etwas Nützlichem zu sehen. „Was mei Mamme nit meh hat brau­che kinne, hat se verkoppelt oder dem Althändler verkaaft". (I)

 

So waren auch mehrere Dachziegel von jugendlichen Organisa­toren abgebaut worden, und einen Teil der Dachrinne fand man an einem provisorisch reparierten Wohnhaus „unten im Dorf" wie­der.

 

Bunte Tafelkreide gab es in keiner saarländischen Schule mehr. Als sogar die weiße Kreide ausging, schickte der Chronist einen Hilferuf an die Grubenverwaltung. Daraufhin erhielt er von dort einen kiloschweren Brocken Hartkreide, mit dem er sich behelfen mußte. Wie mag das Schreiben damit geklungen haben!

 

Aber in vielen Klassensälen fehlten ja auch die Wandtafeln sowie „alles Arbeits-und Anschauungsmaterial". Die meisten Kinder hat­ten weder Tafel noch Griffel, weder Hefte noch Federhalter. Ein Lehrer, der eine Schachtel mit Schreibfedern „eingetauscht" hatte, gab seine Schätze zu Beginn jeder Schreibstunde an seine 56 Schüler aus und sammelte sie vor der Pause sorgfältig wieder ein.

 

„Als Hefte dienten anfangs unbedruckte Zettel, auf die mit Bleistift geschrieben wurde". Ein Schüler hatte auf dem Dachboden „ein ganzes Bündel Tausendmarkscheine aus der Inflationszeit" gefun­den und machte auf deren unbedruckter Rückseite „seine Rechen­aufgaben aus dem kleinen Einmaleins."

 

Im Dezember 1945 wurden von der französischen Militärverwal­tung für die saarländischen Schulen Hefte versprochen. Und tat­sächlich! Ab 7.1.46 konnten diese „in den einschlägigen Geschäf­ten in Dudweiler mit Bezugsschein bezogen werden!" Aber das war nicht alles: „Noch zweimal im Jahre 46 konnten den Schülern je 3 Hefte abgegeben werden. Besonders die Unterstufen, denen die Tafeln fehlen, bedurften dieser Hefte sehr." (1/9).

 

 

 

Schulbücher und Landkarten

 

Wie oben bereits gesagt, viel war nicht mehr übrig an gedruckten Zeugnissen der nationalsozialistischen Geisteswelt, weder Bü­cher noch Landkarten.

 

Am 6.10.1945 kam von der Militärverwaltung der Hinweis, daß „der Gebrauch von Schulbüchern aus den Jahren 33-44 un­tersagt" sei. Was jetzt noch an „Literatur unter dem Hakenkreuz" vorhanden war, wurde unter der Aufsicht von Capitaine Kircheis eingezogen und vernichtet. Nicht ein einziges Lesebuch aus Dud­weiler Schulen überlebte diese Bücherverbrennung. Stattdessen sollten „für das 5. - 8. Schuljahr Lesehefte beschafft" werden (An­ordnung vom 14.2.46).

 

„Selbst die Realienbücher dürfen wegen ihres tendenziösen In­halts in Geschichte und Erdkunde nicht benutzt werden. Auch die bisherigen Lesebücher und Rechenbücher dürfen nicht mehr ge­braucht werden ... Die Hitlerjugendliederbücher sind einzuziehen".

 

Als Lesebuch durfte nur benutzt werden: Lebenskunde, Band I. „Da der Band II die nationalsozialistische Rassen- und Verer­bungslehre enthielt, wurde er" im Buchhandel eingezogen. Ge­stattet waren die „Biblischen Geschichtsbücher, Gesangbücher und die Bibel".

 

Die ersten neuen Lesefibeln trafen bereits zu Anfang des Februars 1946 in den Dudweiler Buchhandlungen ein. Als 1949 das neue Lesebuch „An der Schwelle" auch in der Oberstufe der evangeli­schen Volksschulen eingeführt werden sollte, kam es zum Ein­spruch der evangelischen Lehrer.

 

Pfarrer Ritter schrieb am 1.10.49:

 

 

 

„Dieses Lesebuch enthält über zwanzig Stücke, die aus­gesprochen katholischen Charakter tragen und in einer evangeli­schen Schule keine Verwendung finden können. Auch feh­len ...durchweg Stücke, die einen ausgesprochen evangelischen Charakter tragen ... Die meisten angeführten Stellen der Heiligen Schrift sind nicht nach der Übersetzung Luthers, sondern nach einer katholischen Übersetzung angeboten" (I/77; III/40).

 

 

 

Auf den Antrag der Evangelischen Synode wird daraufhin für die evangelischen Volksschulen eine „evangelische Ausgabe" dieses saarländischen Lesebuchs erstellt und eingeführt. Bis in die späten 60er Jahre sind damit die Konfessionsschulen auch in der Schullektüre getrennt.

 

 

 

Der Lernmittelbeitrag

 

Unter diesem Begriff, der ab dem Schuljahr 39/40 in den Chroniken erscheint, verbarg sich ein finanzieller Schülerbeitrag, der wäh­rend der Hitlerzeit an die „Reichsstelle für den Unterrichtsfilm" (IV) und an die Landesbildstelle gezahlt wurde. Ab 1945 wurde wieder Geld von den Schülern gesammelt, natürlich nur noch an die Lan­desbildstelle. „Von jedem Schüler wurde 0,20 RM eingesammelt, jedoch schie­den Geschwister sowie minderbemittelte Schüler (deren Väter noch in Gefangenschaft waren) aus" (I/6) ...

 

 

 

Hierzu schreibt Dir.a.V. Brückner:

 

 

 

„Im Jahre 1945 ist der einzige Fälligkeitstermin für nicht stattgefundene Schul-Film-Vorfüllrungen der 20. Dezember". Mit anderen Worten: Es wurde Geld gesammelt, obgleich gar keine Filme vorgeführt werden konnten. Der einzige verdunkelbare Film­saal Dudweilers befand sich im Turmschulhaus, welches „noch vom französischen Militär besetzt war", und „für die Schulen war noch kein Vorführapparat vorhanden" (I/6).

 

 

 

Erst am 13.2.47 bekamen die 4 Dudweiler Volksschulen einen gemeinsamen Schmalfilmapparat. Zwar fehlte noch immer ein Filmsaal, aber trotzdem zahlte allein das evangelische „Knaben­system 368,40 Saar-Mark Film-oder Lernmittelbeitrag" (I/20) und für das Jahr 48/49 16.600 Franks, denn „Herr Lehrer Hans JOHN hat sich reichlich bemüht, allen Schulklassen unserer Gemeinde alle wertvollen Unterrichtsfilme vorführen zu können, so daß alle Schüler/innen für ihre Lehrmittelbeiträge reichlich bedacht worden sind" (I/44).

 

Im Oktober 1950 machten die evangelischen Lehrer eine Eingabe an die Regierung: „Der Konferenzbeschluß der evgl. Knabenschu­le Dudweiler" (spricht sich) „gegen die Einziehung von Lernmittel­beiträgen aus" (I/70). Die anderen 3 Schulsysteme schlossen sich diesem Antrag an, und mit Erfolg. So heißt es: „Das Einsammeln der Lernmittelbeiträge wurde nachträglich It. Verfgg aufgehoben (Nov. 1950)" (III/28)

 

 

 

3. Die Lehrpersonen an den Volksschulen

 

 

 

„Im September 1945 erging von der französischen Besatzungs­behörde der Befehl, den Schulunterricht wieder aufzunehmen. Lehrer und Lehrerinnen wurden aufgefordert, sich zur Verfü­gung zu stellen und entsprechende Anträge mit Fragebogen, die sich auf die Zugehörigkeit und Tätigkeit in der NSDAP bezogen, an die deutschen Dienststellen einzureichen" (III/ 5f).

 

 

 

Vom ersten Schultage an herrschte an Dudweilers Volksschulen Lehrermangel, und bis 1953 war der Begriff „Schlepp-" bzw. „Durchschleppklasse" unvermeidliches Problem bei sowieso schon hohen Schülerzahlen. Viele ehemalige Dudweiler Lehrer waren aus dem Kriege noch nicht zurückgekehrt. Entweder waren sie umgekom­men, wie Lehrer BAUER (gest. 13.5.44 in Neunkirchen) und Ferdinand SCHRÖDER, Rektor der kath. Mädchenschule (Er fiel im Fe­bruar 1944 an der Ostfront), oder sie waren noch in Kriegsgefangenschaft, wie z.B. Walter MACK und Helmut TIEDT.. Der ehema­lige Rektor der evangelischen Mädchenschule, Otto NEUMANN, sollte erst 1955 aus Rußland zurückkehren. (s.S.).

 

Schulleiter, die Mitglied der NSDAP gewesen waren, durften nicht weiterhin diese Funktion innehaben und wurden durch „unbela­stete" Personen ersetzt. Zum 1.10.1945 nennen uns die Chro­niken folgende Schulleiter/innen:

 

 

 

1.    Kath. Knabenschule:         Rektor Nikolaus STRUPP

 

2.    Evang. Knabenschule:       Rektor Ludwig BRÜCKNER

 

3.    Kath. Mädchenschule:       Lehrerin Maria WEBER

 

4.    Evang. Mädchenschule:    Lehrerin Mathilde BAYER (kath.)

 

 

 

Bereits am 29.10.45 wurde Frl. Bayer mit Einführung der Konfes­sionsschule an die kath. Mädchenschule versetzt, und die Schul­leitung der evangelischen Mädchenschule ging an den evangeli­schen Lehrer Fritz ALLENBACH über. Um den Lehrermangel aus­zugleichen, hatte man von 1940 bis zum 1.5.44 den bereits pen­sionierten Lehrer Wilhelm WAGNER (geb.2.5.1875) „reaktiviert". Auch im Schuljahr 1947/48 noch wurde die Lehrerin i.R. Frau Ottilie ORTH wieder in den Schuldienst zurückberufen.

 

Rektor Nikolaus STRUPP (1.8.1876 -10.9.1967), der erst am 1.2.1947 mit weit über 70 Jahren pensioniert wurde, hatte „25 Jahre die kath. Knabenschule bzw. die Knabenschule II geleitet" und insgesamt „49 Jahre in Dudweiler gewirkt" (IV).

 

 

 

3.1 Die Lehrerschaft der vier Dudweiler Volksschulen

 

I. Die Katholische Knabenschule

 

Für die 630 Schüler in 12 Klassen standen 5 „alte" Lehrer aus den Kriegsjahren zur Verfügung: Rektor Nikolaus STRUPP, Oberlehrer Oskar STEIN, Lehrer Alwis MOSMANN, Anton MIERSWA und Oberlehrer Johann Julius DALEIDEN (geb. II.4.1881). Dazu wur­den folgende 8 Lehrpersonen dem System zugewiesen:

 

1. ORTH, Friedrich (bis 1944 Rektor Knabenschule I)1.10.45 ­ - 1.9.47

 

2. KORZILlUS, Adolf (vorher Schulleiter M II) 1.10.45   -46

 

3. HAßDENTEUFEL, Gretel, aus Sbr. 1.10.45  - 1.10.47

 

4. BERENS, Trudel, aus Sbr. 1.10.45

 

5. STRUPP, Klara, Gewerbelehrerin I.II.45 - 1.5.46

 

6. FREIBERGER, Hedwig, apl. Lehrerin aus Sbr. 24.11.45

 

7.MAURER, Wilhelm, Gewerbelehrer Merchweiler 1.12.45 -­ 25.3.46

 

8. SCHÜLER, Elisabeth, aus Herrensohr versetzt 18.2.46

 

Für W. Maurer, der an die Berufsschule Dudweiler versetzt wurde, kam am 30.4.46 der apl .Lehrer Otto BRAUN.

 

II. Die Evangelische Knabenschule

 

Für 483 Schüler standen anfangs nur 7 Lehrkräfte zur Verfügung, obgleich 10 Planstellen vorgesehen waren:

 

I.   Hilde KLÄSER, Lehrerin (geb. 4.6.1919) bis 7.1.49 (an Evang. Mädchenschule)

 

2.  Gertrud JENNEWEIN (geb. 4.11.1897) bis 1.9.47 (an Evang. Mädchenschule)

 

3. Julius WALTER (geb. 31.7.1886 gest. 7.3.1956)

 

4. Ludwig BRUCKNER, R (21.12.1888 -22.5.1955)

 

5. Hugo SOMMER, L (geb.14.12.1883, pens. 27.12.1948)

 

6. Heinrich KREMP, L (geb.13.11.1897, pens. 1.4.1961)

 

7. August HOOS, OL (geb.15.7.1881, gest. 29.3.48)

 

Am I.II.45 trat Lehrer Walter METZMANN (geb.22.7.1912) als ach­te Lehrkraft ein. Bereits im Oktober 1945 war Lehrer August Hoos beurlaubt worden, und am 1.1.46 wurde er pensioniert. An seine Stelle trat am 16.11.45 der apl. Lehrer Werner WEBER (geb.26.3.25).

 

Für die zehn Planstellen der Schule standen also nur 8 Lehrper­sonen zur Verfügung, weshalb zunächst 3 Doppelklassen gebildet werden mußten mit bis zu 66 Schülern (KI. III).Auch an dieser Schule wurden 3 erste Schuljahre aufgenommen, die 58 bzw. 59 Schüler zählten. Erst im folgenden Schuljahr 46/47 waren alle 10 Planstellen besetzt. 7 Lehrer und 3 Lehrerinnen unterrichteten 541 Schüler, was einen Klassendurchschnitt von 54 ergibt, für die da­malige Zeit war das „normal". Darunter war aber auch eine kom­binierte 7./8. Klasse mit 59 Schülern, die von Walter METZMANN versorgt wurde, und eine weitere 2./3. mit 57 Schülern unter Lehrer Karlheinz SCHOENEICH aus Dirmingen (geb.31.8.1922). Dies nur, um vor dem statistischen „Durchschnitt" zu warnen!

 

III. Die Katholische Mädchenschule

 

Für 609 Mädchen standen 12 Lehrerinnen zur Verfügung:

 

1.    Frl   BOHLEY, Maria (geb. 17.8.1890),41 Mädchen, KI. I bl

 

2.    "      LlCHEY, 43 Mädchen, KI. I b2

 

3.    "      KIEFER, Maria (geb. 3.12.1892), 51 Mädchen, KI. I b3

 

4     "      LORSCHEIDER, Anna (geb. 25.4.1902), 51 Mädchen, KI. I b4

 

5.    "      BERNARDI, Katharina (geb. 4.8.1889 pens. 31.12.1952), 51 Mädchen, KL II bI

 

6.    "      BAYER, Mathilde (pens. Dez. 1946), 48 Mädchen, KI. II b2

 

7.    "      GElB, Maria (geb. 2.12.91, pens. 1.11.57), 53 Mädchen, KI.III bl

 

8.    "      LENTES, Katharina (Berufsschullehrerin), 51 Mädchen, KI.III b2

 

9.    "      GRIM, Rosa (geb. 15.12.88, pens. 1.5.51), 64 Mädchen, Kl IV b

 

10.   "      WAGNER, Susanne (18.3.89-16.3.1957), 51 Mädchen, KI. V b

 

11.   "      WEBER, Maria (24.4.1886-17.9.1959), 49 Mädchen, KI.VI b

 

12.   "      KASPAR, Katharina (geb. 15.5.1891, pens. 4.4.1950), 56 Mädchen, KI.VII b.

 

Auch in dieser Chronik liest man:

 

 

 

„Durch die Kriegsverhältnisse bedingt, besuchte der Jahrgang 1938 keine Schule, und so besuchten am 1.10.45 zwei Jahrgänge, 1938 und 1939, als ABC­-Schützen die Schule. So hatte die kath. Mädchenschule 4 erste Schuljahre und deshalb nur 7 Jahrgänge" (II-139).

 

 

 

12 Klassen mit 12 Lehrerinnen! Für diese Schule schien damit ein geordneter Unterrichtsbetrieb gewährleistet zu sein. Als jedoch eine Lehrerin erkrankte und deren Vertreterin (FrI. KAISER aus Saarbrücken) an die katholische Knabenschule versetzt wurde, hatte die 54 jährige Lehrerin, Frl. Kaspar, „vier Wochen lang 124 Kinder im 1. Schuljahr zu unterrichten" (II-141). Auch als am 1.10.46 zwei neue Lehrerinnen hinzukamen (Frl. Ruth DORSCHEID und Frl. Katharina KLiNKNER), betrug der Klassendurchschnitt 58 Schülerinnen, darunter waren fünf Klassen mit 64 Mädchen.

 

IV. Die Evangelische Mädchenschule

 

Im Dezember 1945 wurden hier 473 Mädchen von 8 Lehrpersonen unterrichtet:

 

1     Fritz ALLENBACH, Schulleiter (pens. 1.1.49, gest. 1.2.1950)

 

2     Frl. Auguste PITZ (pens. 4.5.1948)

 

3      "  Klara LORENZ (geb. 3.6.1891, pens. 30.6.1956)

 

4      "  Lotte HERRMANN (pens. 1.4.1947)

 

5      "  Wilhelmine OESTERLE (pens.26.6.1960)

 

6      "  Martha EISENBElS (geb. 13 61897,gest. 4.3.1961)

 

7      "  Auguste SCHMIDT (pens.24.7.50)

 

8      "  Erna Blatter (ab 12. Nov. 1946)

 

 

 

2 Klassen (I3 und III) waren ohne Lehrerin und mußten „durch Vertretung der sieben Lehrkräfte als DURCHZIEHKLASSE unter­richtet werden", bis am 12.11.1946 eine achte Lehrkraft, Fräulein Erna BLATTER aus Saarbrücken, „als Lehrerin an die Schule überwiesen wurde"(III-6). Indessen war „vorprogram­miert", daß sie als Berufsschullehrerin nicht lange bleiben würde. In der Tat wurde Frl. Blatter bereits am 1.4.47 an die wiedereröffnete Berufsschule versetzt. Schon wieder fehlten zwei Lehrerinnen. An eine der freien Stellen kam Frl. Ria ZIERES, eine Schulhelfe­rin (geb.27.2..25).Sie war jedoch gerade erst am 13.10.45 in die evangelische Knabenschule eingetreten, und jetzt mußte sie schon wieder an ein anderes System. Wir sehen: Auch noch nach dem Kriege herrschte an Dudweilers Schulen ein kaum zu durch­schauender Wirrwarr. Lassen wir einen Chronisten es nach ein paar Jahren so sagen:

 

 

 

„Es ist allen Lehrkräften wirklich nicht leicht gemacht worden, die Schüler und die Schule wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Gebe Gott, daß auch hier wieder neues Leben aus den Ruinen des Schulwesens erblühen möge". ( 1/4).

 

 

 

3.2 Die Epuration der Dudweiler Lehrpersonen

 

Was in den von amerikanischen und britischen Truppen besetzten Zonen „Entnazifizierung" genannt wurde, hieß im Saargebiet „Epuration", also „Reinigung, Säuberung von für unwürdig befundenen Personen". Wie schwierig diese Maßnahme sich erweisen sollte, erleben wir in den 90er Jahren mit der Überprüfung der „Stasi-Ver­gangenheit" von Verwaltungsangehörigen der neuen Bundeslän­der.

 

Es begann mal wieder ganz bürokratisch, wie ein Chronist uns beschreibt:

 

 

 

„Alle im öffentlichen Leben stehenden Personen haben einen Fra­gebogen auszufüllen. Die militärische und amtliche Verwaltungs­behörde will wissen, inwieweit der Inhaber dieser persönlich-poli­tischen Angaben unter dem Einfluß einer verbannten Epoche ge­standen hat. Lagen politisch belastende Gründe vor, so konnte der Fragebogenaussteller sogar aus dem Amte oder aus der be­ruflichen Stellung entlassen, beruflich degradiert oder mit einer Geldstrafe bedacht, oder zumindest stufenweise im Gehalt zurück­versetzt werden" (1/9).

 

 

 

Die Schulleiter hatten bis Ende 1945 von jeder Lehrperson eine eidesstattliche Erklärung zu verlangen, daß sie diesen Fragebogen zurückgeschickt hatten.

 

Die Überprüfung der Fragebögen dauerte mehrere Jahre. Für sich kann Rektor Brückner ohne Scham vor späteren Lesern erklären:

 

 

 

„Am 13.9.1948 kam der Epurationsbescheid des Schulleiters Brückner, der Nichtmitglied der NSDAP war, mit dem Vermerk: „Ohne Sanktion".

 

 

 

Bei anderen war die Kommission „mißtrauisch geworden, oder ...der Betreffende war denunziert worden". Dann „wurde die Ausfüllung dieser amtlichen Fragebogen oftmals erneut gefordert", um den Betreffenden zu Widersprüchen zu verleiten. So gab es Lehrpersonen, die bereits einen Tag nach der Volksab­stimmung ihr Parteiabzeichen an das Revers geheftet hatten, ihre Schüler das Horst-Wessel-Lied singen ließen, mit „Heil Hitler" grüßten und flammende Reden hielten. Daß viele Lehrpersonen angeben mußten, Mitglied der NSDAP gewesen zu sein, ist ver­ständlich, wenn man weiß, auf welche Weise selbst streng katho­lische Lehrer zum Eintritt in die Partei gedrängt wurden. Auch die Dudweiler Schulen waren „gleichgeschaltet" gewesen, und der Ortsgruppenleiter Amman als Vertreter der Partei war bei jeder Schulentlassungsfeier bis 1944 zugegen.

 

Von einigen wenigen „belasteten" Lehrpersonen erfährt man: Eine Person wurde mit 60% des Gehaltes vorzeitig pensioniert, andere erhielten Gehaltskürzungen von 10% auf Bewährung oder wurden sogar 2-3 Dienstaltersstufen zurückgestuft. Doch dann kam am

 

22.9.47 eine mündliche Auskunft von Direktor Dr. Strauß von der Schulabteilung, daß „die Durchführung der Epurationsbescheide vorläufig bis zum 1.1.1948 zurückgestellt" werde. Was weiter geschah, verschweigen die Chroniken. Die eine Lehrperson je­doch wurde am 4.5.48 „in den Ruhestand versetzt, nachdem sie für den April beurlaubt war" (6).

 

 

 

Die Umschulung der Dudweiler Lehrerschaft

 

Eine weitere Maßnahme bildete die am 16.11.45 angeordnete Ein­richtung von Umschulungskursen für die Lehrpersonen an den saarländischen Volksschulen. Hierzu wurden zunächst 10, später 16 Themenkreise angegeben, die im Rahmen einer Umschulungswoche zu erörtern waren. Wie aber konnte man damals katholi­sche und evangelische Lehrer/innen bei solch brisantem Thema „unter einen Hut" bringen? Es war nicht möglich, schon gar nicht in Dudweiler.

 

So ordnete das Regierungspräsidium Saar, Abteilung für Erzie­hung, Unterricht und Kultus unter drei verschiedenen Aktenzei­chen an:

 

 

 

1) eine Umschulungswoche vom 17.2.bis 23.2.1946 für die evan­gelischen Lehrer des Kreisschulbezirks Saarbrücken II im Evangelischen Gemeindehaus („Alle Teilnehmer konnten im Ev. Ge­meindehaus, im Württemberger Hof oder im Gasthaus Hügel ein gutes Mittagsmahl einnehmen", Chr. I);

 

2) für die evangelischen Lehrerinnen anschließend, vom 25.2. bis ­2.3.46, „täglich im Evangelischen Gemeindehaus" (Chr. III).

 

3)  Die katholische Knabenschule unter Rektor STRUPP bildete eine Arbeitsgemeinschaft, die „wöchentlich freitags um 16 Uhr" stattfand. Am 30.11.46 wurden Herr STRUPP zum AG-Leiter und Herr Friedrich ORTH zum Stellvertreter gewählt. Gleich im Anschluß an diese Wahl hielt Rektor Strupp ein Referat zum ersten der 16 Themen: „Warum mußte die Erziehung nach den totalitären Grundsätzen Schiffbruch erleiden" (V).

 

 

 

Am 15.2.1949 fand dann die 'Vereidigung aller Lehrkräfte des Sulzbachtals" statt (I/37), jedoch nur für die evangelischen. Die katholischen Lehrpersonen wurden erst am 17.2. im Turmschul­haus vereidigt (II/64).

 

 

 

3.3. Französisch-Kurse für Volksschullehrer/innen

 

Das 5. Thema der Umschulungskurse lautete: „Kulturaustausch zwischen Deutschland und Frankreich", das 9. „Deutsche Musik in Frankreich und französische Musik in Deutschland", und das 12. Thema: „Vergleich des sozialen und wirtschaftlichen Aufbaues in Deutschland und Frankreich". Für eine intensive Behandlung dieser Themen waren Kenntnisse der französischen Sprache un­erläßlich.

 

Bereits am 18.2.1946 begann der fakultative Französisch­unterricht in den saarländischen Volksschulen mit 3 Wochenstun­den in der Grund- und 4 Wochenstunden in der „Bürgerschule" (KI. 5-8). Falls ein Schüler nicht am Französisch-Unterricht teil­nimmt, „muß er für die betreffenden Stunden in eine andere Klasse überwiesen werden". Französisch ist damit wieder Pflichtfach in den saarländischen Schulen geworden (V).

 

Anders als nach dem 1. Weltkrieg sprechen jetzt aber viele Lehr­personen die französische Sprache. Zusätzlich werden „Sonder­kurse zur Erweiterung der französischen Sprachkenntnisse" ein­geführt.

 

Am 1.1.1949 wird der spätere Schulrat, Herr Pirmin FRISCH, der ab dem 1.1.48 Schulleiter der katholischen Mädchenschule Dud­weiler gewesen war, zum Kommissarischen Inspektor für den Französisch-Unterricht in den Schulen des Kreisschulamtes Saar­brücken bestellt. Bereits am 11.2.49 wird unter seiner Leitung im evangelischen Mädchenschulhaus (Mühlenschule) eine Französisch-Arbeitsgemeinschaft für die Dudweiler Lehrer/innen durch­geführt. Der Erlaß hierzu lautete: „An den Arbeitsgemeinschaften haben alle Lehrkräfte bis zum 50. Lebensjahr teilzunehmen".

 

Die Dudweiler Lehrerschaft hatte nun in gewissen Abständen zu „reisen": am 22.3. zum Mühlenschulhaus, am 23.6. ins Turmschulhaus. Im folgenden Schuljahr 49/50 fanden AGs in Her­rensohr, Jägersfreude und in Dudweiler Schulhäusern statt, aber das lag ja alles noch nahe beim Dienstort. Auch die Tagung am 13.12.1950, die der Französisch-Conversation diente und unter dem Thema stand „Noei" (Weihnachten), verlangte keinen längeren Anreiseweg. Anders aber war es im Schuljahr 1950/51, für das Herr Frisch 6 Tagungen angeordnet hatte, und zwar in Güdingen. Welcher Dudweiler Volksschullehrer besaß 1951 be­reits einen Pkw?

 

So lautete im Februar 1950 ein wichtiges Konferenzthema in den vier Volksschulen Dudweilers: „Befreiung von der Teilnahme an den frz. Arbeitsgemeinschaften". Ab Ende 1951 heißt es aber in den Anordnungen nur noch: Die Arbeitsgemeinschaft „für alle Lehr­kräfte, die französischen Unterricht erteilen", und nach der letzten Tagung am 25.6.1953 verschwindet diese Rubrik aus allen Dudweiler Schulchroniken.

 

 

 

3.4 Weitere dienstliche Belastungen

 

Die Junglehrer hatten in den Nachkriegsjahren schriftliche Jahres­arbeiten anzufertigen. Französisch-Arbeitsgemeinschaften waren für sie Pflicht. Zur II. Prüfung wurden „apl. Lehrer nur dann zuge­lassen, wenn sie in einer Vorprüfung - Lehrprobe in Französisch und wissenschaftliche Französisch-Prüfung -10 Punkte erreich­ten" (I-1955).

 

Bereits am 31.10.1945 fand im Evangelischen Gemeinde­haus Dudweiler eine „Pädagogische Tagung für alle Lehrpersonen des Sulzbachtales" statt (IV), und oft waren solche Tagungen, Kon­ferenzen und Besprechungen im Anschluß an den Unterricht ge­legt bzw. vorher, wenn Nachmittagsunterricht stattfand. Für die evangelischen Junglehrer/innen sowie für alle anderen Lehrper­sonen, die noch keine Vocation (Lehrbefähigung für das Fach Re­ligion) besaßen, gab es eine Pflicht-Arbeitsgemeinschaft in Reli­gion.

 

Eine weitere Belastung war die schriftliche Entlassungsprüfung (die übrigens schon einmal, von 1931-1934, eingeführt gewesen war. II/34ft). Nachdem ab dem Frühjahr 1948 in allen saarländi­schen Schulen die französische Ferienordnung, die Semester­zeugnisse und das 20 Punkte-System für die Leistungsbewertung eingeführt worden waren (I/28), mußten die Lehrer für die 8. Klas­sen auch eine schriftliche Entlassungsprüfung vorbereiten, durch­führen und auswerten. Diese Prüfungen bestanden aus Rechen­arbeit, Aufsatz und Diktat.

 

Wie so manche Neuerung im saarländischen Schulwesen (es wa­ren auch „behaltenswerte" darunter), so verschwand am 1.7.52 auch die Entlassungsprüfung wieder. Die altvertraute sechsstufige Leistungsbewertung von „sehr gut" bis „ungenügend" kam ab 1957 ebenfalls wieder zu Ehren.

 

Die Lehrer-Wochenstunden (Unterrichtsstunden!): 1947 mußte ein 58-jähriger Direktor a.V - ein hochtrabender Titel kostete ja kein Geld - wöchentlich 26 Stunden Unterricht halten. In der Lehrer­-Pflichtstundenverordnung vom 1.3.49 wurden Lehrer und Lehre­rinnen mit 30 Wochenstunden „bedacht". Erst ab dem 60. Geburts­tag wurde diese Zahl auf 28 Stunden reduziert, jedoch immer erst am Ende des Semesters.

 

Zum Gehalt im Jahre 1949 lesen wir, daß „ein 21jähriger Bergmann mit seinen 30.000 Franken damals weit mehr verdiente als ein 50jähriger Lehrer - verheiratet, zwei Kinder - mit seinen 25.000 Franken" (I/29).

 

Für alle Volksschullehrer/innen bestand damals Residenzpflicht, d.h. sie mußten sich nach der Versetzung nach Dudweiler hier eine Wohnung suchen. Andersfalls wurden ihnen „keinerlei Ver­günstigungen gewährt". Da damals aber auch in Dudweiler noch sehr große Wohnungsnot herrschte, mußten sie mit Zug- und Straßenbahn anreisen. Die Folge war, daß viele von ihnen auf eine schnelle Versetzung an ihren Wohnort sannen, was für ein ruhiges Schulklima nicht gerade günstig war (Siehe hierzu die Lehrerda­ten).

 

 

 

3.5 Außerschulische Situation der Lehrerschaft

 

Als am 30.11.45 der katholische Oberlehrer Oskar STEIN nachmit­tags nicht zur Konferenz kommen konnte, trug der Protokollant Adolf KORZILIUS ein: „Wegen Beschlagnahme seiner Wohnung an der Teilnahme verhindert" (V). Zwar gab es ab 1945 keine Brandwachen mehr für die Dudweiler Lehrpersonen, keine Altma­terial -, Spinnstoff-oder Pelzwarensammlungen oder Kartoffelent­keimungsaktionen (bei der Fa. Schwarz), aber die Kartoftelkäfer­suche, die ab 1938 ebenfalls unter Lehreraufsicht stand, fiel erst ab 1949 „wegen der allgemeinen Bestreuung der Kartoffelkäfer in diesem naßkalten Sommer aus" (1/28). Daß manche Lehrer sich 1945 „nur 2 - 3mal in der Woche rasieren konnten, weil die Ra­sierseife rationiert war" (I/7), ist heute, im DEO-Zeitalter nur noch als Kuriosum zu betrachten. Weit schlimmer ist aber die Darstel­lung der gesundheitlichen Situation der Dudweiler Lehrerschaft: Da leidet ein Lehrer „infolge Unterernährung an Schwindel und Kopfschmerzen". Ein anderer hat „juckende Oberschenkelekze­me" oder „eitrige Bartflechte", wahrscheinlich durch Benutzung der Einheitsseife, die älteren Dudweiler Bürgern bestimmt noch in unangenehmer Erinnerung ist. Da wird 1947 eine Lehrerin „auf der Straße ohnmächtig durch Entkräftung und Nervenzerrüttung", und ein Lehrer fällt mehrfach aus wegen Herzschwäche.

 

Als 1946 eine Schulamtsbewerberin an die evangelische Mäd­chenschule überwiesen wird, kann sie ihren Dienst nicht aufneh­men, weil der Kreisarzt sie wegen Tuberkulose vom Dienst zurück­stellt.

 

Was später von den Schulkindern zu sagen sein wird, gilt auch für die Erwachsenen: Kriegs- und Nachkriegsjahre haben an ihnen bleibende Schäden hinterlassen. Manche Lehrer/innen müssen krankheitshalber vorzeitig pensioniert werden, und nicht wenige sterben schon bald nach der Pensionierung, so Rektor ALLEN­BACH, Rektor Friedrich ORTH, Rektor Ludwig BRÜCKNER, die Lehrer August HOOS und Adolf PAFFRATH, um nur einige zu nennen.

 

Dazu Rektor Eduard FEY am 16.6.49:

 

 

 

„Durch die schweren Hun­gerjahre sind die Lehrpersonen sehr verbraucht worden. Sie kön­nen nur mit äußerster Anstrengung ihre 30 Pflichtstunden in der Woche halten. Trotzdem alle Nahrungsmittel zu kaufen sind und bei manchen Lehrkräften Gewichtszunahme festzustellen ist, ist die Widerstandskraft gebrochen" (11/147).

 

 

 

4. DUDWEILERS SCHULJUGEND IN DER NACHKRIEGSZEIT

 

 

 

„Die Beurteilung einer Jugend, die wie die deutsche Jugend der Gegenwart, einen jahrelangen Krieg durchlebt und eine schwere Nachkriegszeit zu bewältigen hat, muß von besonderer Art sein. Außerordentliche Zeiten erfordern außerordentliche Maßstäbe".

 

 

 

Diese Zeilen schrieb Elisabeth Schliebe-Lippert, die bekannte Ju­gendpsychologin, im Juli 1949 (6). Es soll uns zur Warnung dienen vor einem vorschnellen Urteil über eine Jugend, die es -hoffentlich -nie mehr so schwer haben wird. Bloße Fakten werden genügen.

 

 

 

4.1 Die allgemeine Situation

 

„Alle Schulklassen der ehemaligen Gemeinschaftsschule Dudwei­ler sammelten sich am 1.10.45 um 8 Uhr vor dem Marktschulhaus" (1-1).

 

 

 

Da seit über 14 Monaten - ab dem 25.7.1944 – kein geregelter Unterricht mehr gehalten werden konnte, kamen zwei Jahrgänge,

 

1938 und 1939 - zur Einschulung, und außerdem konnten keine 8 Klassen gebildet werden.

 

Die offizielle Schülerstatistik sah so aus:

 

 

 

Kath. Knabenschule:     630 Knaben,       davon 193 Neulinge in 3 Klassen

 

Evgl. Knabenschule:     483                     davon 178 Neulinge in 4 Klassen

 

Kath. Mädchenschule: 609 Mädchen,     davon 186 Neulinge in 4 Klassen

 

Evgl. Mädchenschule: 473                      davon 144 Neulinge in 4 Klassen

 

 

 

Zum ersten Mal seit 1936/37 waren die Schulkinder wieder nach Konfessionen getrennt, und demgemäß wurden auch die alten Klassenverbände aufgelöst. „Die katholischen Schüler und Schü­lerinnen gingen alsbald mit ihren Lehrern und Lehrerinnen zur Schulmesse in die katholische Pfarrkirche" (I-1). Die Chronik der kath. Mädchenschule bezeichnet diese konfessionelle Trennung „als wichtigstes Ereignis an der Schwelle" des Schulneubeginns, „der keinerlei Schwierigkeiten" bereitete (II-59).

 

Auch die evangelischen Schüler und Schülerinnen von Dudweiler gingen „mit allen amtierenden evangelischen Lehrern und Lehre­rinnen zum evangelischen Gottesdienst ins Evgl. Gemeindehaus am Neuhauser Weg". Während in der katholischen Kirche Pfr. BERSCH eine HI. Messe hielt und „die Kruzifixe für die Säle seg­nete" (II-59), war es im Evangelischen Gemeindehaus „Herr Pfar­rer HERTEL, der über das Thema: „Petri Fischzug' predigte".

 

Auch die um 10 Uhr begrüßten Schulneulinge waren alsbald „nach Geschlecht und Konfession aufgeteilt". Damit war für Dudweiler die Neuorganisation des Schulwesens abgeschlossen.

 

„Viele Väter und Mütter, die nicht nur ihre Schulneulinge, sondern auch ihre größeren schulbeflissenen Kinder zur Schule geleiteten, nahmen an diesem Gottesdienst teil", berichtet Rektor Ludwig BRÜCKNER. Allzu viele Väter werden es aber wohl nicht gewesen sein, denn in der Chronik der kath. Mädchenschule heißt es, daß „in den Anfangsklassen beinahe 33% der Schülerinnen ohne Va­ter" gewesen seien (II/61). Sie waren gefallen, vermißt oder noch in der Kriegsgefangenschaft.

 

Man darf auch nicht glauben, daß damals alle 2195 Schulkinder zur Marktschule kamen. Vom ersten Schultage an waren die Schulversäumnisse ein großes Problem, das begründet war durch die damaligen Schwierigkeiten in 1. der Ernährung, 2. der Beklei­dung und 3. der Gesundheit der Schulkinder.

 

 

 

4.2 Ernährungsprobleme

 

Der Kalauer der 80er Jahre war für die Bevölkerung nach dem Kriege bitterer Ernst: „Was macht man, wenn man eine Schlange sieht?" Nun, ohne das Schlangenstehen gab es damals keine Le­bensmittel, auch nicht auf Lebensmittelmarken. Wie Rektor BRÜCKNER schreibt, wurden „die Schüler von der Mutter ange­halten, für sie vor den Geschäften anzustehen". Dieses Schlan­gestehen begann „oftmals schon vor 7 Uhr und dauerte oft 3-5 Stunden. Da war es nicht zu verwundern, wenn Mütter ihre schul­pflichtigen Kinder vorschickten, um inzwischen daheim die nötig­sten Arbeiten verrichten zu können". Das Schuleschwänzen war sozusagen „überlebenswichtig" für die ganze Familie geworden.

 

Wegen der Lebensmittelknappheit wurden aber auch viele Dud­weiler Kinder bzw. Jugendliche, „namentlich solche der oberen Klassen", zu Hamsterfahrten von den Eltern über Land geschickt. Einige von ihnen fuhren jedoch nicht nur für ihre Familie, sondern sie erlernten von Erwachsenen „noch Kuppelgeschäfte so ausge­zeichnet, daß sie Waren durch Tausch hamsterten, diese aber im Zwischenhandel teuer weiterverscheuerten, und so neben den er­handelten Waren auch reichlich Geld heimbrachten" (I-7).

 

Wie ein Schüler seinem Lehrer anvertraute, hatte einer dieser klei­nen „Schwarzhändler versucht, ihn zu solchen Schwarzfahrten zu überreden". Als der Lehrer diesen zur Rede stellte und ihm mit einer Geld-Schulstrafe drohte, sagte dieser nur leichthin: „Ich kann mit meinem Kuppeln in einer Stunde mehr verdienen, als alle Stra­fen von einer ganzen Woche kosten" (I-47).

 

Wie schwierig die Ernährungslage damals war, ersieht man auch an den Geschenken, die der französische Militärgouverneur GRANDVAL zu Weihnachten 45 an die saarländischen Schulkin­der verteilen ließ:

 

 

 

Jedes Kind erhielt 1 Brot a 800g, 1 Paar Würste a 250g, 200g Zucker, 100g Bonbons. Außerdem gab es pro Klasse 16 Stück Rifa-Einheitsseife.

 

 

 

Am 1.4.1946 wurde in den Dudweiler Schulen eine Schülerbefra­gung über ihre Ernährungsverhältnisse durchgeführt. Dabei ergab sich, daß von 483 Schülern über 100 kein Frühstück bekamen, 105 kein Abendessen gehabt hatten, 130 morgens keinen Brotaufstrich und 278 „in den letzten Wochen weder Milch noch Kaffee". 153 Fa­milien hatten keine Kartoffeln, 274 hatten keinerlei Nährmittel zu Hau­se, und „305 Familien weder Obst noch Gemüse" (1-12).

 

In der Woche vom 1 .- 6.7.46 wurden von der „Gesundheitsbehörde die Kinder aller Schulen untersucht". Dabei stellte man fest, daß die Mädchen besser und kräftiger aussahen als die Jungen. „Die Behörde bestimmte daraufhin, daß zukünftig alle 12 Monate in der Schule gemessen und gewogen" werden sollte. (III-12).

 

Außerdem wurden die Schulkinder in 3 Kategorien eingeteilt:

 

1.                   gut ernährt

 

2.                   mittelmäßig ernährt, und

 

3.                   schlecht genährt und kränklich.

 

 

 

Die Schulspeisung

 

Am 4. (nach einer anderen Angabe, am 9.) 9.1946 setzte in Dudweiler die Schweizer Kinderspeisung ein, die von der Schweiz und dem Irischen Roten Kreuz finanziert wurde. In zwei „großen Kochküchen im ehemaligen Schlafhause in der Albert­straße und im Turmschulhaus wurden die guten Speisen zuberei­tet". So mancher Dudweiler, der damals zur Schule ging, erinnert sich gern an „die leckeren heißen Suppen", die oftmals die einzige warme Mahlzeit des Tages darstellten.

 

Nach einiger Zeit setzte indessen die Schulspeisung aus. Als am 1.10.1947 „die von der Schweiz und der Militärbehörde getragene Schulspeisung wieder aufgenommen" wurde, ergab sich bei der Kon­trolluntersuchung der Dudweiler Schulkinder folgendes Bild:

 

                         

 

                                           Kat. I           Kat. II          Kat. III

 

Evgl. Knaben                       71               259             210

 

Kath. Knaben                       144              272             269

 

Evgl. Mädchen                    8                 178             336

 

Kath. Mädchen                                       308             328

 

                                           223              1017            1143

 

 

 

Zunächst kamen die Kinder der Gruppe III (schlecht genährte und kränkliche Kinder) für sechs Wochen in den Genuß der Speisung, jedoch nur 152 evgl. Knaben, 142 evgl. Mädchen und 186 kath. Mädchen, insgesamt vorerst nur 667 von 1143 Kindern der III. Gruppe. „Die übrigen der Kategorie III werden bis zum folgenden Monat zurückgestellt".

 

Als Ende März 1948 die „Schweizer Kinder-Speisung" eingestellt wurde, notierte Frl. WEBER, die Leiterin der katholischen Mädchenschule:

 

„Dank den edlen Schweizern! Ohne diese Spenden wäre es wohl unter unseren Schulkindern zu einer Katastrophe gekommen" (II-142).

 

Die evangelischen Kinder schickten ein selbstgemachtes Gedicht in die Schweiz:

 

 

Dem lieben Schweitzervolk als Dankesgruß

 

 

 

Schweizer Land mit holden Tälern,           Schweizer Herz, Du spendest Gaben

 

jähen Bergen weiß und hehr,                    nachbarlich dem deutschen Kind,

 

und dazwischen blaue Seen,                      um vor Elend zu bewahren

 

grünen Auen, gleich dem Meer.                alle, die wir dankbar sind.

 

 

 

Schweizer Volk voll tiefen Glaubens,         Möge Gott Euch, liebe Schweizer,

 

wie die Firne ewig wahr.                          segnen stets in Stadt und Land!

 

Deine treuen Augen leuchten uns             Für Euch alle wol/'n wir beten:

 

voll Hoffnung immerdar.                         Gott mit Dir, Du Schweizer Land!

 

 

 

 

 

 

 

Diese Hungerzeit war aber sehr schnell vergessen, denn im Schul­jahr 1948/49 notiert Rektor BRÜCKNER:

 

„Im Laufe des letzten Halbjahres sind die Öl, Mehl-und Fleischpreise um die Hälfte ge­fallen. Die Kartoffelpreise betragen nur noch 1/5 der vorjährigen Einkellerungspreise“. Und als äußeres Zeichen für die gute Ernäh­rungslage schreibt er: „Ja, auf dem Schulhof muß man die Brotre­ste wieder auflesen lassen" (1/29).

 

 

 

4.3 Wenn alle der Schuh drückt (Kleidungsprobleme)

 

Rektor ALLEN BACH notiert unter dem 1. Juli 1946: Zwanzig Mädchen „haben den Unterricht seit dem 1. Oktober 45 gar nicht oder nur an wenigen Tagen des Schuljahres besucht. Grund dazu gibt gewöhnlich der Mangel an warmer Kleidung, vor allem an Schuhwerk, unter dem viele Kinder leiden" (III-.. ).

 

Bereits zu Anfang des Jahres hatte Rektor BRÜCKNER geschrie­ben:

 

 

 

„In ärmlicher Kleidung erscheinen die meisten Schüler. Ent­weder haben die Burschen ihre Kleider verwachsen, oder diesel­ben sind vielfach zerschlissen. Da es den Eltern an Garn und Zwirn gebrach, konnte auch nichts geflickt werden".

 

 

 

Und weit schlimmer, muß man hinzufügen: Die meisten Familien hatten nicht einmal genügend Seife, um die schmutzige Kinderwäsche zu waschen. Es soll deshalb „Heimwerker" gegeben haben, die ihre Seife selbst kochten aus Natronlauge und Rapsöl.

 

Albert M., ein alter Dudweiler, berichtet:

 

 

 

„Am Schulanfang stand ich da mit meiner kurzen, mit Tinte blau gefärbten Pimpfhose, ei­nem geflickten Hemd von meinem großen Bruder, der als Berg­mann vorzeitig aus der französischen Kriegsgefangenschaft ent­lassen worden war. Ich hatte eine gestopfte Strickjacke von mei­nem Großvater an und auf dem Kopf die Uniformmütze von mei­nem Bruder (Sie war mit Pappe ausgelegt, denn sie war viel zu groß für den Knirps). Meine Schuhe waren vorne abgeschnitten, weil meine Quadratlatschen nicht reinpaßten. Es waren noch Kin­derschuhe von meiner Schwester, rote Mädchenschuhe".

 

 

 

Als es kälter wurde, trug Albert M. lange Strümpfe, die mit einem Gummiband an einem sogenannten „Leibchen" befestigt waren. „Wenn wir Fußball spielen wollten, rollten wir unsere Strümpfe runter, damit sie nur ja keine Löcher kriegten und wir zu Hause nicht den Hintern versohlt bekamen". Sein Freund Ernst kam bei Regen mit hochhackigen Gummistiefeln seiner Mutter zur Schule. „Nach dem Unterricht stelzte ich wie ein Storch immer schnell nach Hause, damit meine Mutter ins Dorf gehen konnte". Sie halte nur alte Filzpantoffel.

 

Auch zum Thema „Schuhversorgung" bringt Rektor BRÜCKNER eine Statistik:

 

 

 

60% aller Schuhe sind mangelhaft,

 

33% aller Schüler fehlen die Schuhe, so daß Eltern und Kinder sich im Benutzen des letzten Paares tagsüber ablösen müssen,

 

38% der Schüler laufen im Sommer barfuß, und nur

 

62% kommen im Winter zur Schule, in selbstgemachten Sandalen.

 

 

 

Ende 1945 wurde die Verteilung von Schuhen angekündigt. Die Ver­teilung unterlag dem Wirtschaftsamt. Schuhe, das waren damals Holzsandalen, Lederschuhe mit Holzsohlen und nur ganz wenige „normale" Lederschuhe. Die ganze Dudweiler Einwohnerschaft war karteimäßig erfaßt, „um eine etwaige gerechte Verteilung der stets geringen Anlieferung zu ermöglichen". Die Lehrer mußten hierzu eine Schülerliste aufstellen, in welche die monatliche Schuhzuteilung ein­zutragen war. „Hinzu kam eine genaue Beobachtung des Schuhverschleißes der Schüler. Das Fußballspielen auf dem Schulhof der Turmschule „mußte deswegen strengstes untersagt werden". Immer wieder meldeten die Lehrer dem Schulleiter aber auch, daß Eltern „in betrügerischer Weise es fertig" brachten, „die erhaltenen Bezugs­scheine zu fälschen, verloren zu melden oder ohne Kontrollnummer auszugeben". Einige Eltern halten die Schuhe ihrer Kinder auch auf dem Schwarzmarkt eingetauscht und sie dann als „verloren oder vor der Ablauffrist als zerrissen gemeldet".

 

Da aber auch während der warmen Jahreszeit viele Kinder die Schule versäumten und manche „die Gelegenheit benutzten, um während der Schulzeit ins Dudweiler Schwimmbad zu gehen", wandte sich „die Dudweiler Ortspolizeibehörde mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit und drohte harte Strafen an, z.B. Entzug der Lebensmittelkarten, Geld- oder sogar Arreststrafen" .

 

Resignierend schrieb Rektor ALLENBACH am 9. Juli 1946:

 

 

 

„Bis heute haben sich diese Strafandrohungen nur in wenigen Fällen als wirksam erwiesen" (111-12).

 

 

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Eintrag in der Chro­nik der evangelischen Mädchenschule:

 

 

 

„Gleichsam als Zeichen unserer Zeit und der anormalen Verhältnisse: 2 Schülerinnen, die (am 12.7.46) zur Entlassung kommen sollten, werden nicht ent­lassen. Schulrat LlELL hat die Verlängerung ihrer Schulpflicht um 1 Jahr ausgesprochen, da sie von 183 Schultagen 163 bzw. 164 Tage gefehlt haben" (III-12).

 

 

 

Ähnliches findet man auch in den anderen Chroniken (Doch davon wird noch zu reden sein).

 

Daß die oben erwähnte Schuhverteilung nur ganz allmählich das Schuhproblem lösen konnte, zeigt der Bericht in der gleichen Chro­nik vom 31. Januar 1948. Danach kamen „bisher zur Verteilung :

 

36 Paar Schuhe Gr. 27 -39

 

23 Paar Schuhe  Gr. 27 -36,

 

also ungefähr auf 10 Kinder ein Paar Schuhe“ (bzw. das, was man damals „Schuhe" nannte).

 

Doch auch dieses Problem hatte sich mit dem Ende des Schul­jahres 47/48 gelöst, und Rektor BRÜCKNER konnte erleichtert notieren:

 

Die Schuhversorgung der Schulkinder" durch das Wirt­schaftsamt „nähert sich ihrem Abschluß. Durch den bevorstehen­den wirtschaftlichen Anschluß des Saarlandes an Frankreich konnte auch die Schuharmut schnellstens behoben werden" /1/20) .

 

 

 

4.4 Gesundheitliche Probleme der Nachkriegsjugend

 

Bei solchen Mangelzuständen -nichts Richtiges zum Anziehen , nichts Richtiges zu essen - nimmt es nicht wunder, daß viele Kinder krank waren und immer wieder erkrankten.

 

 

 

„Es war ja damals genau wie im Hitlerkrieg. In den ersten Jahren danach gab's für uns Kinder immer nur Pfefferminztee, Kamillen­tee, Holundertee, Franzbranntwein und heiße oder kalte Umschlä­ge, wenn wir krank waren".

 

 

 

So der heute 55 jährige Albert M., der im Oktober 1945 nach 14 monatiger Pause wieder in die Mühlen­schule ging.

 

 

 

„Und wie wir gefroren haben dort in der Schule. Drinnen haben wir die nassen Strümpfe und Fußlappen ausgezogen und zum Trocknen auf die Heizung gehängt. Aber die Heizung wurde nie richtig warm. Mir hann gezittert, so schnell konnte mir gar nit mit de Zäh­n'klappere, so hann mir gefror".

 

 

 

Der Koks war rationiert, und bereits am 27.10.1945 wies der Bürgermeister die vier Dudweiler Schulen schriftlich an:

 

 

 

„Am ersten jeden Monats ist für den nächst­folgenden Monat die Bedarfsmeldung für Koks beim Bürgermei­steramt einzureichen" (Chr. IV).

 

 

 

Rektor ALLENBACH am 12.11.46: „Wegen Mangels an Koks muß­te die Heizung in der Mühlenschule abgestellt werden". Dennoch kamen „die Kinder täglich auf 1 oder 1 1/2 Stunden zur Schule zwecks Vorbereitung neuer Hausaufgaben und Überprüfung der alten" (III-16).

 

Zur Temperatur in den Klassenräumen beschwert sich im Schul­jahr 47/48 Rektor BRÜCKNER über „die geforderte Maßnahme, bei winterlichen Temperaturen bis +10 Grad in den Schulen Un­terricht halten zu müssen, weil mit Koks gespart werden mußte oder derselbe nicht angeliefert werden konnte" (I-23). Aber auch in den Häusern der Dudweiler Bürger war der Kohleverbrauch im September 1948 noch rationiert und das „Kohleraffen auf der Gru­benhalde" eine alltägliche, gleichwohl wichtige Nebentätigkeit der Schüler (I-21) .

 

Frl. WEBER, die katholische Schulleiterin, schreibt:

 

 

 

„Die Kinder sind ausgemergelt und ohne Widerstandskraft. Schon die gering­ste Erkältung wirft sie aufs Krankenbett" (II-104).

 

 

 

Der oben zitierte Gewährsmann bestätigt es:

 

 

 

„Stimmt, mir hann gekeucht und ge­huschdet, und de Rotz ischd aus de Naas' runngelaaf. Mir han jo kee Taschetiecher gehat domols".

 

 

 

Dann erzählt der damalige Dudweiler Schüler lachend von seinem Banknachbarn eine Episode zum Thema „Taschentücher":

 

 

 

„Jo, der hat sich immer de Nas' mit dem Ärmel von seiner Jacke abge­wischt. Das war so' ne schöne alte Jacke, die hatte noch Knöpfe an den Manschetten gehabt. Na. und eines Tages hat das der Knopf nicht mehr mitgemacht, ist abgerissen und hat in seinem Nasenloch gesteckt".

 

 

 

Albert M. mußte mit seinem Klassenkame­raden zum Arzt gehen, wo der unliebsame Fremdkörper entfernt wurde.

 

So lange sich die Ernährungs-und Bekleidungssituation nicht besserte, konnte natürlich auch keine Besserung im Gesundheitszu stand der Kinder eintreten. Rektor Allenbach gesteht ein, daß da­mals die Versäumnislisten „geschönt" wurden, indem nur noch solche Kinder eingetragen wurden, die längere Zeit und offensicht­lich grundlos die Schule schwänzten (III-18).

 

Obst als Vitamin C-Quelle zur Stärkung der körperlichen Abwehr­kräfte wurde erst ab 1947 zusammen mit frischem Gemüse von der Militärverwaltung zur Schulspeisung beigetragen.

 

Bald aber begannen die Gesundheitsbehörden ihre Arbeit. „In der Zeit vom 25. -29.3.46 fand für die Kinder vom 1. - 14. Lebensjahr eine kombinierte Schutzimpfung gegen Scharlach und Diphterie statt", beides Kinderkrankheiten, die unter den geschwächten Kin­dern verheerend wirkten. Am 22 und 23.4.1947 wurden alle Dudweiler Schulkinder beim Staatlichen Gesundheitsamt durch leuchtet.

 

Dazu Rektor Allenbach:

 

 

 

„Die Untersuchung hat ein ziem­lich ungünstiges Bild gegeben, da von 371 Mädchen 17 im Ver­dacht stehen, tuberkulös infiziert zu sein" (111-18).

 

 

 

Kein Wunder, wenn man die oben zitierte Feststellung bedenkt, daß im Oktober 1947 „die Kinder mit nur geringen Ausnahmen als unternährt an­gesehen werden" müssen (III-24). Haferschleim als Allheilmittel wird von vielen, die damals Schulkinder waren, mit Abscheu ge­nannt. „Aber ohne Milch", denn die gab's nur auf Lebensmittelkar­ten und nur für Kleinkinder.

 

Erst im Jahre 1948 trat eine wirtschaftliche - und damit auch eine gesundheitliche - Besserung ein.

 

 

 

 „Wie schnell waren die blassen, eingefallenen Wangen gerötet und angefüllt. Der durch den Hunger weit ausschreitenden Tuberkulose sind nun durch die bessere Ernährungslage nahezu alle Wege verschränkt worden" (Rektor Brückner).

 

 

 

Zu erwähnen wäre noch die Grippe-Epidemie im Januar 1953, bei der „in der Woche vom 26.1. bis 31.1.53 - 37,8% aller evangeli­schen Schülerinnen .. erkrankt" waren (III-7), so daß mehrere Klas­sen geschlossen werden mußten. Daß am 9.11.55 das „Staatliche Gesundheitsamt...ab 9.11. bis 22.11. die Schließung des 2. Schul­jahres, KI.I12 anordnen" mußte, weil in dieser „Klasse von 49 Schülerinnen 18 an Masern erkrankt" waren, kann heute dank der Schutzimpfungen nicht mehr eintreten.

 

Auch die Spinale Kinderlähmung ist dank der Schluckimpfung kein Problem mehr. Im Sommer 1951 jedoch mußten die Sommerferien vom 1. September bis zum 1. Oktober verlängert werden. Am 24. September waren 275 Erkrankungsfälle gemeldet, „davon 189 Erkrankungen, 6 Verdachtsfälle und 80 nichtbestätigte Verdachtsfäl­le".

 

Daß diese schreckliche Epidemie auch für die gesund gebliebenen Kinder und Lehrpersonen nichts Erfreuliches mit sich brachte, bewirkte die ministerielle Anordnung vom 11.10.51, in der es hieß: „Die versäumte Unterrichtszeit wird nachgeholt. Weihnachts- und Pfingstferien werden entsprechend gekürzt. Auch der winterliche Schulbeginn um 8.30 wird um eine halbe Stunde auf 8 Uhr vorver­legt" (II/158).

 

 

 

Epilog

 

In meinem Bericht wollte ich jede verfrühte Beurteilung vermeiden und nur Fakten darstellen, die ich in den Chroniken gefunden habe. Manche Chronisten schimpften über die Jugend, der man doch eine unbeschwerte Kindheit in dieser Nachkriegszeit genommen hatte, eine Zeit, die, wie der Schlager sagt, „nie mehr" kommt.

 

Wir haben eine der damaligen „Schulschwänzerinnen" ausfindig machen können, die das 8. Schuljahr wiederholen mußte. Sie ist heute über 60 Jahre alt. „Noch heute würde ich schwänzen und in Sack und Asche gehen für meine Geschwister", erklärte sie. Ihr Vater war im Krieg gefallen, die Mutter war krank, und sie als die älteste hatte vier jüngere Geschwister zu versorgen. Wie konnte da noch Zeit bleiben für einen „ordentlichen" Schulbesuch?

 

Das aber steht in keiner Chronik.

 

 

 

5. REKTOR OITO NEUMANN (EIN LEBENSBILD)

 

Einen „typischen Vertreter der spannungsgeladenen Epoche des 20. Jahrhundel1s" nennt ihn der Journalist, einen „alten Kavalier, der vor Frauen aufsprang und stets hilfsbereit war", eine Kollegin, ein „strenger, aber immer gerechter Lehrer, auf den ich nix komme laß"', eine ehemalige Schülerin.

 

Geboren am 30. Juli 1894 in Imlingen/Lothringen (damals deutsch), besuchte Otto Neumann acht Jahre lang die Volksschule zu Saarburg (heute Sarrebourg) und anschließend ein Jahr die dortige Mittelschule. Nach der Präparandie in Simmern und dem Besuch des Lehrerseminars in Ottweiler (191 0-1914) war er bereit, ein Amt als Junglehrer (apl. Lehrer) zu übernehmen und auf seine Majestät, den Kaiser den Amtseid abzulegen. Aber Seine Majestät brauchte eher Soldaten, und so vertausche Otto Neumann den Lehrerkittel mit dem grauen Ehrenkleid, das er bis November 1918 tragen mußte, als einer von den über 140.000 Lehrern (24.000 fielen), die „ihr Leben für ihr Volk eingesetzt, ihre Pflicht getan und Kraft und Gesundheit geopfert haben".

 

Nach Verdun, dem „Chemin des Dames", nach Giftgas und Pan­zerangriffen kam O.N. gesund zurück und legte nach einem Abschlußlehrgang im August 1919 seine 1. Lehrerprüfung ab. Am 1. September 1919 (die Weimarer Republik versprach Freiheit und Freie Unterrichtsarbeit) betrat er, bereits 25jährig, „stolz und zu­versichtlich" zum ersten Mal „seine Klasse" in Niedereisenbach (Glan). Über Lautenbach (Ostertal), Hirzweiler kam er ins Sulzbachtal und wurde am 1.11.1936 zum Rektor der Evan­gelischen Mädchenschule Dudweiler ernannt.

 

Aber sein oberster Dienstherr wurde bald darauf auch der Oberste Feldherr, und Otto Neumann wurde zum zweiten Mal Soldat: „Am

 

7.8.1939, also noch mitten im Frieden, wurde ...Otto Neu­mann als Reserveoffizier (45-jährig) zu einer Übung zum Maschinengewehr-Bataillon 14 nach Saarbrücken eingezogen und kehrte am 18.10.1955 aus russischer Gefangenschaft zurück", als geal­terter Mann von 61 Jahren, der noch knapp vier Jahre bis zur Pensionierung seinen erwünschten Beruf ausüben kann, der - wie er später schreiben wird – „beinahe 21 Jahre meinem eigentlichen Berufe ferngehalten wurde".

 

Kriegsgefangenschaft in Rußland: Vier Jahre war er am Onega­see, zwei Jahre Kistenmacher in der Nähe von Moskau, und vier­einhalb Jahre Bau-Hilfsarbeiter im Ural. Außerdem versucht er, „durch Vorträge, Einzel-und Kursunterricht seinen Kameraden über trostlose Zeit und schwere Gedanken hinwegzuhelfen". Ihn selbst hatte man am 10.11.1949, weil er sich für einen kranken Gefangenen einsetzte", zum Tode verurteilt, aber später wurde das Todesurteil in 25 Jahre Zwangsarbeit umgewandelt".

 

Bei seiner Rückkehr als sogenannter „Spätheimkehrer" muß er sich zunächst die ausgeschlagenen Zähne und das zerbrochene Nasenbein operieren lassen. Nach einem von der Regierung des Saarlandes gespendeten Erholungsaufenthalt „an der Riviera" im November - hätte er das ein Jahr zuvor wohl für möglich gehalten? - tritt er am 10.3.56 seinen eigentlichen Beruf als Volksschullehrer an, zunächst als einfacher Klassenlehrer, weil Frau Ottilie Was­muth die Schulleitersteile innehat, dann, nach deren Pensionie­rung ab 30.11.56, als Rektor der evangelischen Mädchenschule Dudweiler. Am 23. Juli 1959, seinem letzten Schultag, verabschie­det er sich in der Chronik von seinen Lehrerinnen und Schülerinnen mit der Frage: „Wäre es nicht besser gewesen, als Lehrer und Erzieher für die körperliche und geistige Ertüchtigung der Jugend diese Opfer gebracht zu haben?"

 

 

 

QUELLENANGABE

 

Diesem Aufsatz liegen folgende Chroniken zugrunde:

 

 

 

(I)    Schulchronik der Evgl. Knabenschule Dudweiler (1945 bis 1954). Forts.: 1956

 

 

 

(II)   Chronik der kath. Volksschule zu Dudweiler (1900-1963), Mädchenschule 2, ab 1945 Kath. Mädchenschule Dudweiler

 

 

 

(III) Schulchronik Mädchenschule I (1943/44), Evgl. Mädchenschule 1945-1960

 

 

 

(IV)  Volksschule 2 (1937-1944), ab 1945 Kath. Knabenschule

 

 

 

(V)   Konferenz-und Protokollbuch der Volksschule 2 bzw. der (IV).

 

 

 

 

 

 

 

ANMERKUNGEN

 

(1)   Die ehemalige „französische" oder Domanialschule, heute HS Mühlenschule.

 

 

 

(2)   Nach dem Bericht eines Mitglieds der Geschichtswerkstatt Dudweiler.

 

 

 

(3)   Rolf Wittenbrock: „ ...Du heiliges Land am Saaresstrand". Konfessionsschule und Identitäts­suche. In: Das Saarland von der 'Stunde 0' zum Tag X', Saarbrücken 1990, S. 258.

 

 

 

(4)   R. Wittenbrock, a.a.O., S. 258f.

 

 

 

(5)   R. Wittenbrock, a.a.O., S. 259.

 

 

 

(6)   Elisabeth Lippert: Die Jugend im Urteil der Zeitgenossen. In: Bildung und Erziehung, Heft 7; Juli 1949.

 

 

(7)          Was hier über die Erfolge der Epuration aus Gründen des Datenschutzes nur angedeutet werden kann, liest sich in einem autobiografischen Roman so: „Bevor noch die Parteiab­zeichen in den Gullys verrottet und die Führerbilder auf den Dachböden verschimmelt waren, saßen die alten Parteigenossen wieder auf ihren Posten, reingewaschen, frisch gewendet" (Ludwig Harig: Weh dem, der aus der Reihe tanzt. München-Wien 1990; S. 244

 

 

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