Rudolf Saam

 

 

 

Johann PITZ - ein Leben für Freiheit, Frieden, Soziale Gerechtigkeit

 

 

 

"Die Sozialdemokratische Partei Dudweiler besaß vor allem in dem Redakteur der „VOLKSSTIMME", Johann Pitz, eine Persönlichkeit von überlokaler Bedeutung. Pitz verdankte sein Ansehen beson­ders seinem Idealismus und seinem sozialen Engagement und gewann durch seine journalistische Arbeit und seine vielseitige Vortragstätigkeit einen Einfluß, der weit über Dudweiler hinaus­reichte." (Maria Zenner)1)

 

 

 

In dem Beitrag von R. Hoffmann I H. Schon „Politische Schicksale Anfang der dreißiger Jahre in Dudweiler"2) ist eine Liste der Bürger abgedruckt, die nach dem 15.1.1935 aus Dudweiler flüch­teten, weil sie um ihr Leben fürchten mußten. In dieser „Nachwei­sung der Personen, die auf Grund des römischen Abkommens aus dem Bereich des 12. Polizeireviers abgewandert sind", werden unter den Nummern 90 und 91 Johann Pitz und seine Ehefrau - ­deren Vorname wird nicht genannt - aufgeführt mit der Anmerkung, sie seien "am 16.1.1935 nach Frankreich" emigriert. Im fol­genden soll das Leben des überzeugten Sozialdemokraten und engagierten Antifaschisten Johann Pitz dargestellt werden.3)

 

 

 

Johann Heinrich Pitz wurde am 05.10.1887 in Dudweiler als Sohn des Bergmanns Johann Pitz (1861 Dudweiler -1928 Dudweiler) und seiner Ehefrau Sophie Katharina geb. Bettinger (1864 Dud­weiler - 1948 Dudweiler) geboren.

 

Nach der Entlassung aus der Volksschule begann er 1902 bei der Saardruckerei Saarbrücken, Futterstraße 5-7, eine Lehre als Buchbinder und Schriftsetzer und arbeitete in diesem Betrieb bis zum 14.3.1915.

 

Am 15.3.1915 wurde er zum Militärdienst eingezogen und als „Armierungssoldat" einer Eisenbahnkompanie zugeteilt. Wegen einer Granatsplitterverletzung wurde er am 31.3.1918 aus dem Militärdienst entlassen; von April 1918 - Januar 1919 war er „re­klamiert" und verpflichtet bei der Firma Golz in Schlochau im west­lichen Teil Westpreußens (spätere Grenzmark Posen-Westpreuß­en).

 

Im Januar 1919 kehrte Johann Pitz nach Dudweiler zurück und arbeitete von Februar 1919 bis zum 31.12.1919 bei der Saarbrüc­ker Papiergroßhandlung Maas & Sohn am Kaninchenberg; von Januar 1920 bis Mitte Mai 1923 war er dann wieder bei seiner ersten Arbeitsstelle, der Saardruckerei Saarbrücken, beschäftigt. Mitte Mai 1923 begann er als Redakteur bei der sozialdemokrati­schen "VOLKSSTIMME" seine publizistische Tätigkeit.

 

Wann Johann Pitz der SPD beigetreten ist, konnte nicht ermittelt werden; er muß ihr aber seit 1905 nahegestanden haben: Vom 1.1.1905 erschien die "SAARWACHT", eine sozialdemokrati­sche Zeitung, die wegen der patriarchalischen Verhältnisse im „Kö­nigreich Stumm" in Frankfurt gedruckt wurde. Über die „VOLKS­WACHT" kommt es am 5.3.1908 zur Herausgabe der „VOLKS­STIMME" –„SOZIALDEMOKRATISCHES ORGAN FÜR SÜD­WESTDEUTSCHLAND - Ausgabe für das Fürstentum Birkenfeld und das Saarrevier" mit einem lokalen Sonderblatt für die Saar.

 

Über die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg schreibt Ursula Thei­sen4):

 

 

 

„Vom 1.1.1919 wurde die "Volksstimme" als Organ für das werktätige Volk .... in Saarbrücken redigiert und hergestellt. Ab 1921 erschien die „Volksstimme" als „Organ der sozialdemokrati­schen Partei des Saargebiets"; sie wurde in parteieigener Druc­kerei hergestellt... Seit 1923 war Max Braun Chefredakteur; Jo­hann Pitz aus Dudweiler war für die Sparten Gewerkschaftliches, Kommunales, Provinzielles und Jugendbewegung verantwortlich, Georg Schulte zeichnete für die Lokalteile verantwortlich."

 

 

 

Johann Pitz kam für die SPD 1919 in den Gemeinderat von Dud­weiler. Sein „politisches Glaubensbekenntnis" formulierte er mit den 3 Forderungen: Freiheit - Frieden - Soziale Gerechtigkeit. Nach eigenen Angaben gehörte Johann Pitz seit 1920 als sozial­demokratischer Kreisrat dem Kreisausschuß des Landkreises Saarbrücken an; möglicherweise deshalb war er von 1920 - 1923 nicht im Gemeinderat. 1923, 1927, 1929 und 1932 wurde er jeweils als Vertreter der SPD bei den Kommunalwahlen in den Gemein­derat von Dudweiler gewählt. Über die Zusammensetzung des Dudweiler Gemeinderates in den Jahren 1920 - 1935, über die un­terschiedlichen Konstellationen, Koalitionen und Aufgaben in der Abfolge der Sitzungsperioden sei auf die grundlegende Arbeit von Maria Zenner verwiesen.

 

 

 

1929 heiratete Johann Pitz in Dudweiler die am 22.12.1909 in Neustadt/Haardt geborene Ernestine Thomas, Tochter des Gip­sers Heinrich Thomas und seiner Ehefrau Anna Maria geb. Ehr­hardt. Am 24.4.1930 wird in Dudweiler der Sohn Hans Heinz, ein Jahr später, am 23.4.1931, der Sohn Gerd geboren. Die natio­nalsozialistische Regierungsbildung am 30.1.1933 mit den noch im Frühjahr des gleichen Jahres ausgesprochenen Verboten von Parteien und Gewerkschaften für das Reichsgebiet, die Verfolgung von Linksintellektuellen und Juden wirkten auf die saarländischen Parteien, ausgenommen die NSDAP, alarmierend. Schon im Fe­bruar 1933 wurde die in Saarbrücken erscheinende „VOLKSSTIM­ME" für das gesamte Reichsgebiet verboten, Hitler bezeichnete sie in der Reichstagsrede vom 23.3.1933 als „landesverräte­risch". Die von Albert Kraus5) zitierten Beiträge in den Ausgaben der „VOLKSSTIMME" vom 10.5.1933 (und vom 12.5.1933) aus Anlaß der Bücherverbrennung in Berlin sind von Johann Pitz ver­faßt worden:

 

 

 

„Heute werden die braunen Barbaren des Haken­kreuzes in dem okkupierten und vergewaltigten Deutschland die Scheiterhaufen anzünden, auf denen die unsterblichen Werke des geistigen und anderen Deutschland von der Rache der Minder­wertigen verbrannt werden. Die Nobelpreisträger sind aus Deutschland verjagt, die Künstler, Schriftsteller, Journalisten, Po­litiker und alle Diener am Geist sind gemordet, mißhandelt und eingesperrt, die repräsentativsten Deutschtumsvertreter sind aus den Akademien entfernt. Jetzt geht es an die unvergänglichen Werke, die den Ruhm des Volkes der Denker und Dichter begrün­deten. Armes, armes fieberkrankes Deutschland."

 

 

 

Enge Verbindungen hatte die Redaktion der „VOLKSSTIMME" zu der am 20.6.1933 erstmals in Saarbrücken erschienenen „DEUT­SCHE FREIHEIT - Einzige unabhängige Tageszeitung Deutsch­lands"6). Seit Anfang 1934 wurde in der Druckerei der „VOLKSSTIMME", vermutlich aus finanziellen Gründen, die „SCHWARZE FRONT", eine Zeitung der Nationalsozialisten im Saargebiet, ge­druckt, wodurch es zu starken Spannungen in der Geschäftsfüh­rung der Volksstimme - GmbH (Ernst Klopfer, Max Hofmann) und auch in der Redaktion kam. In den Jahren 1933 bis 1935 kamen viele politische Emigranten aus dem Deutschen Reich ins Saar­gebiet. 1933 wurden Emil Kirschmann und Wilhelm Sollmann (Pseudonym: Max Klinger) von Johann Pitz vorübergehend in sei­nem Haus in Dudweiler aufgenommen. Wilhelm Sollmann (1881 - ­1951), seit 1920 MdR, 1923 Reichsinnenminister, emigrierte 1933 über Luxemburg, ins Saargebiet, ging 1935 nach der Saarabstim­mung wieder nach Luxemburg; mit Hilfe der Quäker wanderte er 1939 in die USA aus und schickte der Familie Johann Pitz 1941/42 Lebensmittelpakete nach Sete in Südfrankreich. Emil Kirschmann, MdR und Ministerialrat im preußischen Innenministerium und Saarreferent, emigrierte 1933 an die Saar, war bis 1935 Sekretär der SPD Saar, emigrierte 1935 nach Frankreich und 1940 in die USA, wo er 1948 starb. Über die Vorgänge im Kreistag des Land­kreises Saarbrücken nach dem „Röhm-Putsch" (30.6.1934) schreibt Ernst Kunkel7)

 

 

 

"Am 3. Juli 1934 tagte der Kreistag von Saarbrücken-Land. Es kam -wie nicht anders zu erwarten -zu einer Debatte Ober die Ereignisse vom 30.Juni. Die Kreistagsfraktion der Deutschen Front versuchte die Ereignisse mit der offiziellen Version der Reichsregierung zu ver­teidigen. Sie tat das lustlos und ohne viel Eifer. Da wird ein Zwischenruf gemacht: "Hitler ist ein Mörder!" Darauf der Vorsitzende: "Wer hat das gesagt? Er soll sich melden, damit ich ihm einen Ordnungsruf erteile." Niemand meldet sich. Da erhebt sich an Stelle des Zwischenrufers der Abgeordnete Johann Pitz aus Dudweiler und sagt" Herr Landrat, erteilen Sie mir den Ordnungsruf. Ich sage: Hitler ist ein Mörder!" Auf diesen, Wort für Wort betonten kleinen Satz folgt betretenes Schwei­gen. Der Landrat vergibt den Ordnungsruf. Stattdessen schließt er die Sitzung. Beim Verlassen des Saales drücken einige Deutschfront­Ier Johann Pitz demonstrativ die Hand, einige weniger Mutige machen ihm eine Verbeugung. Und selbst die alten Nazis unter ihnen wagen keine Kritik."

 

 

 

Durch diese unerschrockene, kompromißlose Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus gehörte Johann Pitz zu dem Kreis der von den Nationalsozialisten geächteten „Volks - und Landesverrä­ter", die nach dem Abstimmungsergebnis vom 13.1.1935 mit In­haftierung und Liquidierung rechnen mußten, sofern sie nicht bis zum 28.2.1935 das Saargebiet verlassen hatten.8) Die Ursachen des Scheiterns der demokratischen Kräfte und Parteien im Ab­stimmungskampf 1933/35 gegen Hitler hat Gerhard Paul in einer systematischen Problemstudie dargestellt.9)

 

 

 

Am 28.11.1959 hat Johann Pitz die folgenden Erinnerungen nie­dergeschrieben, die vor allem über die Zeit der Emigration Aus­kunft geben:10)

 

 

 

"Warum ich 1935 nach Frankreich flüchten und warum ich dort bis Ende 1945 verbleiben mußte. Seit Mai 1923 war der Unterzeichnete, Johann Pitz, geb. am 5.10.1887 in Dud­weiler, Redakteur der „VOLKSSTIMME", sozialdemokratisches Parteiorgan des Saargebiets. Im Kampf gegen Hitler und das Na­zisystem stand ich mit an der Spitze als politischer Redakteur obi­ger Tageszeitung, sowie von 1933 bis 1935 als verantwortlicher Radakteur der „DEUTSCHEN FREIHEIT", des letzten auf altem Reichsgebiet erscheinenden Tagesblatts und nicht minder als Redner zur Rettung des damals letzten Stückchens Erde vor den einbrechenden Barbaren des sogenannten "Dritten Reiches". Als Zeugen will ich benennen meine alten Freunde Regierungsrat a.D. Karl Mössinger, Heinrich Wacker, Präsident der Arbeitskammer bis 1957, Karl Amman, Direktor der LVA und alle Freiheitskämpfer aus jener Zeit, soweit sie noch am Leben sind. Auf Grund dieser Tatsachen mußte ich am 19. Januar meine Heimat verlassen und nach Frankreich emigrieren. Meine Frau konnte mit den beiden Kindern nicht sofort mitkommen, da sie, hochschwanger, erst am 2. Februar meinen dritten Sohn Manfred gebar. Unter Zurücklas­sung dieses Kindes kam sie am letzten Februar (es war der 28.2.1935, d. Verf.) über Forbach auch nach Frankreich. Vom 23.1.1935 war ich in Lourdes (Südfrankreich) interniert und vom  23.3. ab mit meiner Frau und den beiden Kindern Heinz und Gerd im Lager bei Langon (Gironde) vereinigt. Im September wur­den wir dort entlassen, und ich versuchte, bei Freunden in Castel­naudary (Aude) Arbeit zu finden, ohne Erfolg. Ende Oktober 1935 bot man mir Arbeit in Nancy (M.et M.) bei einem Herrn Schmidt, der die Druckerbestände des ehemaligen „Saarlouiser Journals" verwaltete. Nachdem die Maschinen dieses Betriebes zusammen­gesucht und wieder instandgesetzt waren, wurde das Personal (alles Emigranten aus dem graphischen Gewerbe) zu Weihnach­ten 1935 entlassen und die Maschinen verkauft. Erst am 20.2. (1936) fand ich dann Arbeit als Buchbinder in "Les Arts Gra­phiques" in Jarvitle bei Nancy, wo ich, bis zu meiner Internierung Ende Oktober 1939 im Lager bei Neufchateau (Meuse), beschäf­tigt war. In Jarville wurde am 10.10.1936 unser viertes Kind Charlotte geboren. Im Februar 1940 wurde ich nach Bordeaux entlassen. Dorthin kamen im März 1940 Frau und Kinder nach. Hier arbeitete ich bis 18. Mai d.J. wieder als Buchbinder. Vom 19. Mai bis 19. Juni war ich wieder interniert, diesmal in Libourne (Gi­ronde), dort traf ich obig (erwähnte) Herren Mössinger und Wacker, ebenso den deutschen Dichter Fritz von Unruh.

 

Entlassen und auf der Flucht erreichte ich mit meiner Familie Sete am Mittelmeer. Als Hausverwalter und Küster fand ich dort bei der Eglise Reformee Unterkunft und Beschäftigung gegen geringes Entgelt. Bei der Besetzung des Mittelmeergebietes durch die Trup­pen des „Dritten Reiches" (Nov. 1942) mußten wir uns, als beson­ders gefährdet, in das fast unzugängliche Gebiet der Süd-Ceven­nen nach Ste.Croix-Vallée Francaise zurückziehen. Hier war ich zeitweise Bauhilfsarbeiter und gelegentlich Aushelfer bei Bauern. Die Frau fand gelegentlich beim Seidespinnen Arbeit. Ende Okto­ber 1945 konnte ich endlich mit meinem ältesten Sohn Heinz nach der Heimat abreisen. Die Frau und die beiden anderen Kinder konnten nicht mitkommen aus Mangel an Reisegeld und dann auch, weil eine Unterkunftmöglichkeit nach damals offiziellen Mit­teilungen für Rückkehrer sehr zweifelhaft war. Mein Sohn und ich waren gezwungen, am 31.10.1945 illegal über die Grenze, und zwar durch den Wald am Schanzenberg bei Saarbrücken, zu gehen. Dem damaligen (kommissarischen) Amtsbürgermeister (August Hey) von Dudweiler danke ich es, daß mir eine Wohnung in meinem eigenen Haus, Gehlenbergstraße 15, freigemacht wer­den konnte. Erst dann konnte meine Frau und die beiden anderen Kinder, mit legalem französischem Paß ausgerüstet, legal über die Grenze zu uns kommen. Wir hatten also mit dem Bagagewagen der Besatzungstruppen, von dem ein Bundestagsabgeordneter in Saarbrücken auf dem Schloßplatz sprach, nichts zu tun. Zu Hause fanden wir alles wüst und leer, fast sämtliche Fensterscheiben zerbrochen und die Fenster mit Pappe vernagelt. Die Wohnung vernachlässigt und fast unbewohnbar. Zuerst wurden wir von Ver­wandten mit dem Allernötigsten versorgt. Ohne Unterstützung je­der Behörde - selbst der Bezugsschein für ein Ofenrohr konnte nicht gegeben werden, da dieser nur Evakuierten zustand - haben wir uns allmählich wieder zurechtgefunden. Wenn man mir zu den 408.000 ffrs., die ich von der früheren Regierung des Saarlandes als Opfer des Nationalsozialismus erhielt, nun auch die verspätete Soforthilfe für Rückwanderer gibt, dann genügt das. Als ehemali­ges Mitglied der Unterstützungsvereinigung der in der modernen Arbeitsbewegung tätigen Angestellten beziehe ich von der LVA des Saarlandes eine Zusatzrente. Falls diese ausfallen sollte, er­hebe ich dann meinen Anspruch."

 

 

 

Nach den Schlußsätzen hat der 72jährige Johann Pitz diese Niederschrift im Zusammenhang mit der Zahlung von Versorgungsbezügen angefertigt. Zu beachten sind die Zeitangaben der Ausreise aus dem Saargebiet: Johann Pitz emigrierte am 19.1.1935, seine Frau Ernestine am 28.2.1935; die Einheitsangabe: 16.1.1935 in der oben erwähn­ten „Nachweisung der Personen, die auf Grund des römischen Abkommens ..... " ist also falsch.

 

 

 

Der älteste Sohn Heinz, der 1936 in Jarville eingeschult wurde, machte über die Emigrationszeit in Frankreich noch die folgenden Angaben:

 

 

 

Aus dem Internierungslager in Neufchateau wurde der Vater im Februar 1940 durch die Intervention des französischen Deputierten Salomon Grumbach mit der Auflage entlassen, mit sei­ner Familie in ein mehr im Innern Frankreichs gelegenes Depar­tement zu ziehen. Im Lager Libourne traf der Vater außer den erwähnten Emigranten auch Johannes Hoffmann. In Sete wurde die Familie mit anderen Flüchtlingen in einem geräumten Mäd­cheninternat untergebracht. Durch die Flucht von Sete nach St. Croix kam es zu einer schlagartigen Verschlechterung der Lebens­verhältnisse; besonders die Mutter war davon betroffen und litt sehr darunter. Da SS-Kommandos ab dem 11.11.1942 im ehemals unbesetzten Teil Frankreichs intensiv nach Juden und deutschen Emigranten fahndeten, nahm die Familie damals zur Tarnung den Namen "Puits" an. Erwähnenswert ist, daß die Dorfbewohner bei Razzien durch die SS bzw. die Feldpolizei immer rechtzeitig einen Familienangehörigen von der bevorstehenden Aktion warnten. Nach dem illegalen Grenzübertritt Ende Oktober 1945 am Schan­zenberg bei Saarbrücken begab sich der Vater mit Heinz zuerst zum Gebäude der ehemaligen Arbeiterwohlfahrt in der Hohen­zollernstraße in Alt-Saarbrücken, wo der Vater eine geringe Barunterstützung erhielt. Mit der Straßenbahn fuhren beide bis nach Jägersfreude und gingen von dort zu Fuß nach Dudweiler. Erste Unterkunft und Hilfe gewährte ihnen die Schwester des Vaters Sophie Heil; das früher bewohnte Haus in der Gehlenbergstraße 15 war 1935 beschlagnahmt und veräußert worden. Erst im Fe­bruar 1946 konnte in diesem Haus eine Wohnung freigemacht und von Johann Pitz bezogen werden. Darauf benachrichtigte er seine Frau, sie solle nun mit den Kindern Gerd und Charlotte nach Dud­weiler kommen, wo sie Anfang April 1946 eintrafen. Der am 2.2.1935 in Dudweiler geborene und bei Verwandten zurückge­lassene Sohn Manfred wurde überwiegend von einer Schwester der Mutter und deren Eltern in Dudweiler und gegen Kriegsende in der Nähe von Ulm großgezogen; erst 1948 kam er, auch wegen der schulischen Verhältnisse, zu den Eltern und Geschwistern nach Dudweiler zurück.

 

 

 

1946 ist für Johann Pitz das Jahr des politischen und publizisti­schen Neubeginns in der Heimat. Nach längerer Vorbereitung kommt es im 22.6.1946 zur Herausgabe der 1. Nummer der neu gegründeten „VOLKSSTIMME"; Verlag und Redaktion sind in Saarbrücken, Brauerstraße 6-8. Verantwortlicher Redakteur ist Jo­hann Pitz. Unter der über die 5 Spalten gesetzten Überschrift „AUFERSTANDEN" zieht er in dem zweiteiligen Leitartikel „Nach elf Jahren Schweigen .... spricht wieder die „Volksstimme" eine Bi­lanz der nationalsozialistischen Herrschaft. In seine publizistische Arbeit bringt er auch seine poetische Begabung mit ein: In der denkwürdigen 1. Nummer vom 22.6.1946 steht oben in der mitt­leren Spalte das folgende, von Johann Pitz verfaßte Gedicht:

 

 

 

Des Volkes Stimme

 

Seit beinah 12 Jahren                    Geist läßt sich nicht ketten!                 Die Tiefen durchdrungen!

 

in Not und Gefahren,                   Die Welt zu erretten                          Die Höhen bezwungen!

 

gequält und geschunden,              ist hei/'ge Mission!                              Das Echo schallt wieder

 

in Knechtschaft gebunden,           Dem Teufel zum Hohn                       für Schwestern und Brüder,

 

verboten, belauert,                       gesprengt sind die Banden,                 über Meere und Fernen

 

als tot schon betrauert,                die Freiheit erstanden!                                                   hinauf zu den Sternen:

 

verhalten im Grimme,                  Lutfhöhn erklimme                            Des Volkes Stimme!

 

bedrückt.                                     aufs neu,                                                   Mahnend,

 

erstickt:                                       froh, frei:                                                   ahnend:

 

Des Volkes Stimme!                      Des Volkes Stimme!                                                   Gottes Stimme!

 

 

 

Vom 15.11.1946 bis März 1948 ist Ernst Roth11) verantwortlicher Redakteur der VOLKSSTIMME", dann übernimmt Johann Pitz wieder die Chefredaktion und behält sie bis Anfang 1956, als die „VOLKSSTIMME" nach dem Zusammenschluß von SPS und der im Sommer 1955 offiziell in Erscheinung getretenen SPD mit der (bis 1967) eigenen „SAARBRUECKER ALLGEMEINEN ZEI­TUNG (SAZ)“ ihr Erscheinen einstellt. Bei den für den 15.9.1946 angesetzten Kommunalwahlen führt Johann Pitz in Dudweiler die Liste 3 der Sozialdemokratischen Partei an:

 

 

 

1.   Pitz Johann, Redakteur

 

2.   Kemp Rudolf sen., Bergmann

 

3.   Lawall Wilhelm, Kreisamtmann

 

4.   Geibig Ludwig, Regierungsrat

 

5.   Kemp Rudolf jun., Dienststellenleiter

 

6.   Eberle Willi , Rohrmeister

 

7.   Hauth Daniel, Maschinist

 

8.   Bauer Jakob, Kaufmann

 

9.   Hoppstädter Jakob, Vorarbeiter

 

10.                    Mann Jakob, Bergmann.

 

 

 

Aufgrund des Wahlergebnisses kommen die Kandidaten der er­sten 8 Plätze in den Gemeinderat. In der konstituierenden Sitzung am 22.9.1946, in der August Rech (CVP) zum Bürgermeister ge­wählt wird, wird Wilhelm Lawall (SPS) zum 1. Beigeordneten bestimmt.

 

Für die Neuwahlen zum Gemeinderat am 27.3.1949 fin­det am vorangehenden Sonntag. 20.3.1949, im Lokal Högel eine Wahlveranstaltung des SPS-Ortsverbandes Dudweiler statt, auf der Johann Pitz und der 1. Vorsitzende der SPS, Richard Kirn, sprechen. In der ersten Sitzung des neuen Gemeinderates am 6.4.1949 wird Johann Pitz zum (letzten ehrenamtlichen) Bür­germeister von Dudweiler gewählt. In den folgenden Jahren kann er nun in verantwortlicher Position zur Verwirklichung der 3. For­derung seines „politischen Glaubensbekenntnisses" beitragen: Soziale Gerechtigkeit.

 

Infolge der Kriegszerstörungen und der seit 1939 unterbliebenen Bautätigkeit fehlen in Dudweiler rund 1.000 Häuser. Zur Behebung der großen Wohnungsnot wird eine groß­zügige Erschließung neuer Wohngebiete in die Wege geleitet. Die Planung legt zuerst die Straßenführung auf dem Pfaffenkopf. dann - in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsministerium - auf dem Guckeisberg fest. Um den privaten Wohnungsbau zu fördern, schließt die Gemeinde ab 1949 mit bauwilligen Interessenten Erb­pachtverträge ab und übernimmt in bestimmten Fällen auch eine Ausfallbürgschaft auf Darlehen. Außerdem erteilt sie eine Bewilli­gung zur Kiesentnahme in der gemeindeeigenen Kiesgrube an der Schiedebornstraße: Selbstgraber dürfen dort für 1 Franken jeweils einen Kubikmeter Kies abfahren. ln der Sitzung vom 14.11.1952 beschließt der Gemeinderat einstimmig, 15 Millionen Franken für den Wohnungsbau der Gemeinde bereitzustellen. Von 1949 - 1955 hat die Gemeinde das folgende Wohnungsbaupro­gramm verwirklicht:

 

 

 

1949     6 gemeindeeigene Häuser (Kantstraße) mit 16 Wohnungen

 

1950     8 gemeindeeigene Häuser (Humesgrube) mit 16 Wohnungen

 

1951     10 gemeindeeigene Häuser (Ringstraße) mit 38 Wohnungen

 

1952     30 gemeindeeigene Häuser (Am Bartenberg, Scheidter Straße, Pfaffenkopfstraße, Am Gehlenberger Feld)

 

            mit 65 Wohnungen

 

1953     31 gemeindeeigene Häuser (Schacht-und Brennender-Berg-Straße) mit 61 Wohnungen

 

1954     7 gemeindeeigene Häuser (Hofweg) mit 42 Wohnungen

 

1955     4 gemeindeeigene Häuser (Hofweg) mit 24 Wohnungen.

 

 

 

Seit 1951 organisiert sich auch in Dudweiler langsam eine gegen die Politik der Regierung Hoffmann eingestellte Opposition. Dies hat Auswirkungen auf die Sitzungen des Gemeinderates. Bürger­meister Pitz betrachtet das Saarstatut als einen wichtigen und rich­tigen Schritt aus dem engen nationalstaatlichen Denken heraus nach Europa hin und befürwortet es. Als unmittelbar nach der Ab­lehnung des Statuts durch die Volksabstimmung am 23.10.1955 die damals illegale bundesdeutsche Fahne auf dem Rathausturm angebracht worden war und er aufgefordert wurde, sie abnehmen zu lassen, erwidert er ganz gelassen nur: „Hinter der Fahne bin ich schon nach dem 1. Weltkrieg marschiert, als mancher der Be­fürworter noch nicht geboren war!" Mit der Wahl des neuen Ge­meinderates 1956 und der Berufung des 1. hauptamtlichen Bür­germeisters (Hermann Mühlenberg) beginnt ein neues Kapitel der Dudweiler Kommunalgeschichte, das von Johann Pitz nicht mehr aktiv mitgestaltet wird.

 

 

 

Kennzeichnend für seine Einstellung ist die folgende verbürgte Aussage von ihm:12) „In der linken Hand (Jackentasche) Karl Marx, in der rechten die Bergpredigt aus der Bibel, damit versuche ich, den Menschen zu helfen".

 

Überliefert ist auch die folgende Anekdote: Als er in den Jahren der großen Arbeitslosigkeit um 1930 abends auf dem Heimweg von einem Arbeitslosen angespro­chen und um etwas Geld gebeten wurde, habe er geantwortet: „Du hast heute Pech, denn ich habe kein Geld bei mir. Aber komm morgen Abend nochmal, dann kriegst Du "was!" Während seines ganzen Lebens hat Johann Pitz aus der Dichtung und der Musik Kraft geschöpft, was aus dem Artikel gegen die Bücherverbren­nung (Volksstimme vom 10.5.1933) deutlich wird. Besonders hat er Goethe geschätzt, ihn wegen seiner humanistischen Einstel­lung („Das Göttliche": Edel sei der Mensch, hilfreich und gut) ver­ehrt. Von den Musikern mochte er vor allem Mozart, dessen Kom­positionen er geliebt hat. So ist sein Lebensabend nicht düster, sondern harmonisch, fast heiter, zumal er zu alten Freunden und Bekannten weiter regen Kontakt behält, vor allem an den Skat­abenden in der Gastwirtschaft Port.

 

 

 

Am 21.8.1965 stirbt Johann Pitz, am 24.8.1965 wird er auf dem Dudweiler Friedhof begraben.

 

Anmerkungen:

 

 

 

1)    Maria Zenner; Die Bedeutung der politischen Parteien, in: „1000 Jahre Dudweiler"; 1977, S.379 H.

 

 

 

2)    R. Hoffmann / H. Schon; Politische Schicksale Anfang der dreißiger Jahre in Dudweiler, in: Historische Beiträge aus der Arbeit der Dudweiler Geschichtswerkstatt; 1988, S.75ff.

 

 

 

3)    Für wichtige Auskünfte und Hinweise dankt der Verf. Herrn Heinz Pitz und Herrn Bezirksbürgermeister Schon.

 

 

 

4)    Ursula Theisen; Die Haltung der sozialistischen Presse des Saargebiets im Abstimmungskampf 1934/1935; 1975, S. 151.

 

 

 

5)    Albert Kraus; Das geistige Deutschland wird verbrannt, in: Zeitschrift „Arbeitnehmer"; Jahrgang 1983, Nummer 5, S. 177 f1.

 

 

 

6)    Vgl. hierzu: Anmerkung 4, S. 18 f. und Joachim Heinz, „Zum Abstimmungskampf an der Saar 1933-35“ in: „Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 1990/91“; S. 124 ff

 

 

 

7)    Ernst Kunkel; Für Deutschland - Gegen Hitler. Die Sozialdemokratische Partei des Saargebiets im Abstimmungskampf 1933/35; 1967, S. 95; vg!. auch a.a.O. S. 119

 

 

 

8)    Nach Gesprächen in Rom hat Reichsaußenminister von Neurath am 3.12.1934 eine Note an den Völkerbund unterzeichnet, mit der das Problem der aus politischen Gründen aus dem Saargebiet „Ausreisewilligen" geregelt wurde. Diese Note wurde im Reichsgesetzblatt vom 26.3.1935 veröffentlicht und allgemein als „Römisches Abkom­men" bezeichnet. Der Verf. dankt Herrn Dr. H.-W. Herrmann für diese Angaben.

 

 

 

9)    Gerhard Paul; Deutsche Mutter heim zu Dir! oder: Warum es mißlang. Hitler an der Saar zu schlagen. Der Saarkampf 1933 – 1935; Köln, 1984

 

 

 

10) Nachlaßpapiere von Johann Pitz

 

 

 

11) Ernst Rolh (1901 - 1951) war gegen den wirtschaftlichen Anschluß des Saarlandes an Frankreich und wurde deshalb 1948 aus dem Saarland ausgewiesen. Er lebte anschließend in der Pfalz und war von 1949 - 51 MdB für die SPD.

 

 

 

12) Mitteilungen von Bezirksbürgermeister Hermann Schon.

 

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