Werner Arend

 

 

 

Die Sache mit dem Gaslicht

 

 

 

Als der Gemeinderat der Gemeinde Dudweiler am 24.Juni 1878 zu einer Gemeinderatssitzung zusammentrat, hatte er unter Punkt III. der Tagesordnung eine bedeutende Entscheidung zu treffen:

 

 

 

Zustimmung zum Vertrag der Gemeinde mit dem Eisengießerei­besitzer Wilhelm Schulde wegen Errichtung einer Gasanstalt.

 

 

 

Der Gemeinderat erklärte sich einstimmig mit dem neuen Vertrag ein­verstanden und erteilte demselben in allen Teilen seine Zustim­mung. Damit war es endgültig erreicht, Dudweiler würde eine Gas­anstalt bekommen. Aus der Beschlußformulierung "neuer Vertrag" ist zu entnehmen, daß es bereits frühere Versuche gab, die Pläne der Firma Schulde zu realisieren.

 

 

 

Bereits am 19. März 1874 hatte der Gemeinderat einem Vertrags­entwurf des Wilhelm Schulde mit der Gemeinde Dudweiler zuge­stimmt, dem die königliche Regierung - Abteilung des Innern - in Trier die Zustimmung allerdings versagt hatte. Welches die Gründe dafür waren, läßt sich leider nicht mehr feststellen. Es dürfte sich jedoch um Fragen der Sicherheit gehandelt haben, da man bei der Behörde in Trier und sonstwo aufgrund jahrzehntelanger Entwick­lung in der Gasbeleuchtung genügend Erfahrung sammeln konnte.

 

 

 

So neu war die Geschichte also nicht mehr, als man auch in Dud­weiler endlich Gaslaternen in den Straßen haben wollte. Bereits 1856 hatte man in den benachbarten Städten St. Johann und Saar­brücken mit der Errichtung einer gemeinsamen Gasanstalt in St. Johann begonnen. Sie machte die 1850 von der Saarbrücker Casino-Gesellschaft gebaute kleine Gasfabrik überflüssig, die nur die Räume der Gesellschaft und einige Bewohner der Umgebung mit Gaslicht versorgt hatte. Die Gemeinde Malstatt-Burbach-Ruß­hütte konnte sich erst 1876 dazu entschließen, ein Gaswerk zu bauen. Mit dem Gas trat eine Energie zur Erzeugung von Licht und Wärme mit einer bisher nicht bekannten Eigenschaft auf den Plan, nämlich von einer zentralen Stelle aus zahlreiche Verbrau­cher versorgen zu können. Im Jahre 1783 entdeckte Minckelaers, daß aus Steinkohle ein brennbares leuchtendes Gas gewonnen werden kann, und schon drei Jahre später beleuchtete Lord Dun­donald mit dem Gas seiner Koksöfen sein Landhaus.

 

 

 

Während die Beleuchtung der menschlichen Behausung, der Werkstätten und Leuchtfeuer für die Schiffahrt schon lange vor unserer Zeitrechnung zu finden ist (immerhin glauben die Archäo­logen aufgrund zahlreicher FundsteIlen, daß die hinterlassenen Spuren von Feuerstellen etwa 300.000 Jahre zurückreichen), ist die Beleuchtung von Straßen erst im Mittelalter erkennbar. Hier war das Sicherheitsbedürfnis vorrangig.

 

 

 

Im 15. Jahrhundert kannte man bereits fahrbare Straßenlaternen, und im Jahre 1558 wurde in Paris mit einem Erlaß angeordnet, nachts Pech-und Kienpfannen in den Straßen aufzustellen. Das hob die bis dahin gültige Vorschrift auf, Lichter zu festgelegten Stunden in den Fenstern der Häuser aufzustellen. Von 1667 an gab es in Paris als ständige Einrichtung Öllaternen, die an über die Straße gespannten Stricke gehängt waren. In Deutschland folgte 1675 die Stadt Hamburg als erste mit solchen Straßenlater­nen, später die Städte Berlin - Köln und andere.

 

 

 

Schon 1682 wurden Laternen auf Pfählen als "Abendleuchten auf den Gassen" aufgestellt; die Bürgerschaft protestierte vergeblich gegen diese Neuerung. 1702 erhellten bereits 750 Öllaternen die Leipziger Straßen.

 

 

 

In der englischen Stadt Whitehaven schlug 1765 ein Mister Spend­ding vor, das einem Schacht entströmende Gas nach der Stadt zu leiten und damit die Straßen zu beleuchten. 1785 beleuchtete der Belgier Minckelaers mit dem von ihm ein Jahr zuvor entdeckten Gas aus Steinkohle seinen Hörsaal. Schon bald folgten andere ähnliche Versuche, so in Soho, wo 1798 William Murdock eine Fabrik mit Gas beleuchtete. Ein Jahr später wurde der Thermo­lampe, praktisch ein kleines Heimgaswerk, ein Patent erteilt. Die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. 1802 beleuchtete Zacha­rias Andreas Winzler in Österreich drei Anlagen mit Gas, und im gleichen Jahr erhielt Friedrich Albert Winsor (eigentlich Winzler) von König Georg III. ein Privileg zur Durchführung von Straßen­beleuchtungen mit Gas. Während man in Frankreich, Amerika und Österreich dem Beispiel folgte, dauerte es in Deutschland immer­hin noch bis 1811, als Wilhelm August Lampadius in Freiberg die Fischergasse versuchsweise mit Gas beleuchtete. Endlich hatte auch Deutschland Anschluß an die neue Beleuchtungsart gefun­den.

 

 

 

Der Begriff "Leuchtgas" war in den Köpfen der Laien, d.h. fast der ganzen damaligen Welt, unzertrennlich verschmolzen mit dem Be­griff von Feuersgefahr, Entzündlichkeit, Explosion und derglei­chen. Man war mit diesem luftförmigen Stoff nicht vertraut. Wen wundert es, daß in der Kölnischen Zeitung vom 28 März 1819 folgende Stellungnahme gegen die Einführung von Gas-Straßen­beleuchtungen (anläßlich der Errichtung eines Gaswerkes in Pa­ris) abgedruckt war:

 

 

 

 'Warum Gas-Straßenbeleuchtung abzuleh­nen ist...

 

1.   Aus theologischen Gründen: weil sie als Eingriff in die Ordnung Gottes erscheint. Nach dieser ist die Nacht zur Finsternis einge­setzt, die nur zu gewissen Zeiten vom Mondlicht unterbrochen wird. Dagegen dürfen wir uns nicht auflehnen, den Weltplan nicht hofmeistern, die Nacht nicht zum Tage verkehren wollen.

 

2. Aus juristischen Gründen: weil die Kosten dieser Beleuchtung durch eine indirekte Steuer aufgebracht werden sollen. Warum soll dieser und jener für eine Einrichtung zahlen, die ihm gleichgültig ist, da sie ihm keinen Nutzen bringt oder ihn gar in manchen Ver­richtungen stört.

 

3. Aus medizinischen Gründen: die Gasausdünstung wirkt nach­teilig auf die Gesundheit schwachleibiger und zartnerviger Perso­nen und legt auch dadurch zu vielen Krankheiten den Stoff, weil sie den Leuten das nächtliche Verweilen auf den Straßen leichter macht und ihnen Schnupfen, Husten und Erkältungen auf den Hals zieht.

 

4. Aus philosophisch-moralischen Gründen: die Sittlichkeit wird durch Gassenbeleuchtung verschlimmert. Die künstliche Helle verscheucht in den Gemütern das Grauen vor der Finsternis, das die Schwachen von mancher Sünde abhält. Die Helle macht den Trinker sicher, daß er in den Zechstuben bis in die Nacht hinein schwelgt, und sie verkuppelt verliebte Paare.

 

5. Aus polizeilichen Gründen: sie macht die Pferde scheu und die Diebe kühn.

 

6. Aus volkstümlichen Gründen: öffentliche Feste haben den Zweck, das Nationalgefühl zu wecken. Illuminationen sind hierzu vorzüglich geschickt. Dieser Eindruck wird aber geschwächt, wenn derselbe durch allnächtliche Quasi-Illuminationen abgestumpft wird. Daher gafft sich der Landmann toller in dem Lichtglanz als der lichtgesättigte Großstädter".

 

 

 

Doch zurück zum Ausgangspunkt unseres Berichts: Der Eisen­gießereibesitzer Wilhelm Schulde will für die Gemeinde Dudweiler eine Gasanstalt auf seinem Werksgelände errichten. Nachdem Herr Schulde im Dezember 1874 seinen bereits vom Gemeinderat am 19.3. paraphierten Vertrag wegen Nichterteilung der Kon­zession zurückgezogen hatte, gingen von ihm weitere Aktivitäten aus, sein Vorhaben doch zu verwirklichen. Erstmals wieder akten­kundig werden diese Bemühungen in einem Schreiben des Un­ternehmers vom 30.10.1877 an den Bürgermeister Blum:

 

 

 

"Hiermit erlaube mir, Euer Wohlgeboren, Situations-Plan, Bau­zeichnung und Beschreibung einer Gasanstalt, welche ich hier zu bauen beabsichtige, in duplo zu behändigen, und mit dem Ersu­chen, um Erwirkung der erforderlichen Concession.

 

Mit aller Hochachtung, ergebenst

 

Wilhelm Schulde"

 

 

 

Schon bald war die geplante Gasbeleuchtung für Dudweiler "Dorf­gespräch", und unter den Anliegern des Werksgeländes machte sich die Angst breit. Mit Datum vom 27.2.1878 ging beim Landrat von Geldern des Landkreises Saarbrücken ein "Gehor­samstes Gesuch betreffend Verbot zur Anlage einer Gasfabrik" ein, unterzeichnet von 12 Anliegern der Gießerei Schulde. Sie wohnten in der damaligen Dorfstraße (heute Friedenstraße, Werk­straße, Wilhelmstraße) und in der Luisenstraße. In einem Akten­vermerk auf dieser Eingabe, die dem Konzessionsgesuch beige­fügt wurde, stellte Bürgermeister Blum fest, daß die Wohnhäuser von 7 Unterzeichnern auf dem Situationsplan eingezeichnet seien, die übrigen 5 Anwesen in einer Entfernung von 39 m bis 94 m von dem projektierten Gasometer entfernt liegen.

 

 

 

Als dann der "Öffentliche Anzeiger zum Amtsblatte der Königlich Preußischen Regierung zu Trier" in seiner Ausgabe vom 16. Mai 1878 die gesetzlich vorgeschriebene Bekanntmachung des ge­planten Bauvorhabens abdruckte mit dem Vermerk: "Dies Unter­nehmen wird mit dem Bemerken zur öffentlichen Kenntnis ge­bracht, daß Zeichnungen und Beschreibungen des Projects auf dem Bürgermeister-Amte zu Dudweiler zu Jedermanns Einsicht offen liegen und daß etwaige Einwendungen binnen 14 Tagen an­zubringen sind", richtete der Anlieger Johann Hary folgendes Schreiben an den Bürgermeister Blum.

 

 

 

Duttweiler den 20ten Mai 1878 ganz Gehorsamste Bitte des unterzeichneten Bürger von Duttweiler, um dem Herrn Schulde von hier, einstellung wegen einer Gas Fabrik zugebieten

 

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An

 

den Bürgermeister Herrn Blum Wohlgeboren zu Duttweiler

 

 

 

Der Herr Schulde, zu Duttweiler ist beabsichtigt, in der Nähe un­serer Wohnhäuser, eine Gas Fabrik an zulegen, kaum 10 -12 Meter von den Häusern wo wir hiermit einwandzu machen haben. Wegen dem Gestank, und der Gefahr, und Unsre Häuser ver/ieh­ren ihren wehrt, und so lange die Häuser da stehen, wohnen wier, in einem Gas-Ecken. Und unser Brunnen kann durch den Gase­meter schaden leiten. Wir sind in keinem Falle damit einverstan­den, weil die Gas-Fabrik, nach ihrer Entfernung nicht nach dem Gesetz gebaut wird. Darum bitten wir, ganz gehorsamst Euer Wohlgeboren da hier, uns treu dafür wirken zu wollen, und durch die Ihrige gütige Vermittelung suchen zu verhelfen. Daß dem Herrn Schulde die einstellung doch geboten wird. Wir bitten mit dem inigsten Wunsche, und Bitte von Euer Wohlgeboren gehör zufinden.

 

 

 

Mit aller hochachtung Euer Wohlgeboren gehorsamste Diner Johann Hary

 

 

 

Der fristgerecht eingereichte Widerspruch der Anlieger Mathias Diehl, Peter Meisberger, Friedrich Straub, Christian Poller, Johann Büch, Mathias Quinten und Johann Hary zeigte schon bald seine Wirkung. Mit Datum vom 13.8.1878 stellte die Königliche Regierung ­Abteilung des Innern - in Trier (Regierungsbezirk Trier der Rheinpro­vinz) unter anderem fest, "daß bei der nur 19 bis 53 Meter betragenden Entfernung der Gebäude der Opponenten von dem Gasometer und in Rücksicht auf die geringe nur 1 Meter betragende Entfernung des letzteren von dem Retortenhause der ad a. angeführte Einwand in Übereinstimmung mit der Ministerial-Instruction vom 14. August 1875 ad II. 1 No. 5 als berechtigt anerkannt werden muß“. Die weiteren Ausführungen endeten dann in der Feststellung: „... dem Antragsteller Wilhelm Schulde unter Auferlegung der Kosten des Verfahrens die Genehmigung zur Errichtung der gedachten Gasbereitungs-Anstalt zu versagen. Gegen diesen Bescheid ist der Rekurs an das Königliche Ministerium für Handel etc. zulässig usw."

 

 

 

Das Vorhaben des Fabrikanten Wilhelm Schulde, in Dudweiler eine Gasanstalt zu errichten, schien wiederum in Frage gestellt. Trotzdem nutzte er die Chance zu einem fristgerechten Einspruch an das Han­deisministerium in Berlin. Der Erfolg stellte sich bald ein. Der Bescheid der Provinzregierung vom 13. August wurde aufgehoben, die "Ge­nehmigungsurkunde zur Anlage einer Gasbereitungs-Anstalt" vom 7. Dezember 1878 gestattete es Wilhelm Schulde endlich, das Gaswerk für die Gemeinde Dudweiler zu errichten. Der Einspruch der Anlieger hatte nicht dazu geführt, den Bau zu verhindern. Allerdings waren mit der Baugenehmigung einige Bedingungen verknüpft, die ergänzende Sicherheitsvorkehrungen in der Bauausführung vorsahen.

 

 

 

Der nunmehr in Kraft getretene Vertrag sah in Artikel 1. vor:

 

Wil­helm Schulde erhält von der Gemeinde die Erlaubnis, in den Ge­meindewegen und öffentlichen Plätzen die nötigen Aufgrabungen zum Legen der Gasröhren jeder Art auf seine Gefahr und Kosten bewirken zu lassen...

 

Artikel 2. sah vor: Die Gemeinde Dudweiler verpflichtet sich, wäh­rend der Dauer von fünfundzwanzig Jahren keinerlei Conzessio­nen zum Einlegen von Gasröhren in die Gemeindewege oder zur Anbringung von Gasröhren über den Gemeindewegen an andere Gasproduzenten zu geben.

 

In Artikel 3. wurden dann die einzelnen Straßen aufgeführt, in denen die neue Gasbeleuchtung installiert werden sollte wie zum Beispiel "durch die ganze Provinzialstraße", "von dem Georg Alt­peter'schen Hause längs das Gemeindehaus über die Sud bis zum Johann Wunn (.Conrad:)'schen Hause an der Provinzialstraße" oder "von dem Kempf'schen Hause auf der Sud durch den Fisch­bachweg bis zum Eisenbahn-Übergang" usw.

 

 

 

Unter dem Vorsitz von Bürgermeister Blum wurde eine "Straßen­beleuchtungs-Commission" gebildet, die dann die genauen Stand­orte der vorgesehenen Straßenlaternen festlegte und die Anträge von Bürgern, zusätzliche Leuchten anzubringen, prüften.

 

 

 

Zu welchem Zeitpunkt die Firma Schulde ihre Arbeiten beendete und die Gasversorgung aufnehmen konnte, ist leider nicht genau feststell­bar. Im August 1880 wurden nach vorheriger ortsüblicher Bekannt­machung "zur Öffentlichen Verbindung der Besorgung der Straßen­beleuchtung in den Ortschaften Dudweiler, Herrensohr und Jägers­freude für die Zeit vom 1. September 1880 bis Ende August 1881 unter folgenden Bedingungen geschritten ...". Man kann also davon ausgehen, daß dies die erste festgelegte Beleuchtungszeit war. Die Brennzeit wurde auf 1.200 Brennstunden pro Jahr festgelegt, Über­schreitungen waren allerdings bei entsprechender Witterung (fehlen­de Mondscheinphasen) gegen zusätzliche Vergütung möglich . So findet sich in den Akten auch der Hinweis: "Die Besorgung der drei Straßenlaternen im Orte Herrensohr dem Letztbietenden Georg Doerr, Bergmann, zum Preise von 52 Mark pro Laterne und Jahr ... zu vergeben". Die Laternenanzünder mußten nicht nur darum bemüht sein, mit ihren Forderungen möglichst niedrig zu liegen, um überhaupt den Zuschlag zu erhalten, sie mußten darüber hin­aus auch noch einen Solidarbürgen benennen.

 

 

 

Daß es mit der neuen Gasbeleuchtung auch nicht immer zum be­sten stand, zeigt ein von mehreren Bewohnern auf dem Büchel an Bürgermeister Petermann gerichtetes Schreiben:

 

 

 

"Euer Wohlgeboren erlauben sich die unterzeichneten nachste­hende Bitte ergebenst vorzutragen.

 

Da schon seit 3 Jahren, wo die angebrachte Laterne durch Zer­trümmern von unbekannten Frevlern, der alte Büchel ohne jede Beleuchtung ist, was für die Hauseigentümer und ihre Mitbewoh­ner bei den mangelhaften Zugangs wegen in der Dunkelheit nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich ist, folglich auch aus diesem Grunde den hier wohnenden Gewerbetreibenden unaus­bleich lieh empfindliche Nachteile in Ihrem Geschäfte entstehen müssen.

 

Wohl dieselben erlauben wir uns daher ergebenst zu bitten, das Aufstellen einer Laterne wieder zu veranlassen, resp. dasselbe zu geeigneter Zeit gütigst befürworten zu wollen.

 

In der Hoffnung an Euer Wohlgeboren keine Fehlbitte gerichtet zu haben. Achtungsvoll. "

 

 

 

Unterzeichnet von 22 Hauseigentümern und Mietern.

 

 

 

Wir dürfen uns von den Gaslaternen dieser Zeit keine falschen Vorstellungen machen. Es waren offene Flammen mit einer Leuchtkraft ähnlich den vorherigen Ölleuchten. Der Vorteil lag ein­zig in der zentralen Versorgung der Leuchtenergie. Mit seiner Er­findung des Gasglühstrumpfes kam Auer von Welsbach dem Gas­fach im rechten Augenblick zu Hilfe. Waren die ersten Glühstrümp­fe 1886 auch noch sehr empfindlich, bis 1892 jedoch schon so weit verbessert, daß von einem Sieg der Auerbrenner gesprochen werden konnte. Immer wieder war bis dahin versucht worden, mit der Gasflamme keramische oder metallische Körper zu erhitzen, die ihrerseits Licht ausstrahlen sollten.

 

Die Glühkörper kosteten zum Teil 40 bis 70 Mark und hatten nur eine sehr kurze Brenndauer. So war dieses neue Auerlicht, wie man es nannte, das die bisher benutzten Gasleuchten um ein Mehrfaches an Helligkeit und Wirtschaftlichkeit übertraf, plötzlich für die Gasanstalten interessant geworden.

 

Da aber zu gleicher Zeit die Elektrizität sich ebenfalls ständig fort­entwickelte und den Weg in die Betriebe und Haushaltungen fand, wirkte sich die Konkurrenzsituation auf die Preisgestaltung aus.

 

Trotzdem ging die Straßenbeleuchtung nur sehr zögernd auf Au­erlicht über, da der Wind den Glühkörpern gefährlich wurde. Erst eine Reihe von Verbesserungen führten dazu, daß die Straßenla­ternen auf Auerlicht umgestellt wurden. In Berlin brannten 1898 alle 27.000 Laternen mit Auerglühstrümpfen, Hamburg war zur Jahrhundertwende gerade am Anfang des Umbaus. Am 29. Juni 1898 teilte der Unternehmer der Gemeinde Dudweiler mit, daß ihm von verschiedenen Seiten Anfragen zum Ankauf seiner Gas­anstalt zugegangen seien und ob die Gemeinde von dem ihr zu­stehenden Vorkaufsrecht Gebrauch machen wolle. Die Gemeinde war jedoch weder zu diesem Zeitpunkt noch bei Ablauf der Ver­tragszeit daran interessiert, das mittlerweile total veraltete Gas­werk der Firma Schulde anzukaufen. Aus dem Beleuchtungska­lender vom Monat Februar 1899 geht hervor, daß die Laternen durchschnittlich zwischen 17.00 Uhr und 24.00 Uhr zu brennen hatten. Der Gemeindebaumeister fand bei seinem Revisionsgang am 28.2. um 23.00 Uhr keine brennende Lampen vor.

 

Ein Kostenvoranschlag der Firma Schulde vom 29.5.1901 über die Umänderung der Straßenbeleuchtung für die Gemeinde Dud­weiler in Gasglühlicht gibt Auskunft darüber, daß die Modernisie­rung der 60 vorhandenen Laternen mit 35,-Mark je Stück, also 2.100,-Mark insgesamt möglich war.

 

 

 

Die Beschädigung von Straßenlaternen kam ab und zu auch vor, wie die Mitteilung der Firma Schulde an die Gemeinde zeigt:

 

 

 

"Bei Schuhmachermeister Jung, Hier, Sudstraße, wurde eine Laterne umgefahren; der Kandelaber ist gebrochen und die Laterne ist auch unbrauchbar. Vom Hörensagen wurde mir die Mitteilung, daß die Fuhre der Firma Fr. und Aug. Heinz die La­terne umgefahren hätte. Bitte um ggfl. Mitteilung, ob ich diesel­be wieder herstellen lassen soll.

 

Dudweiler, den 25. Oktober 1899 Wilhelm Schulde"

 

 

 

Laut Schreiben der Gemeinde an die Firma Heinz betrugen die Wiederherstellungskosten für die umgefahrene und unbrauchbare Laterne insgesamt 56,60 Mark.

 

 

 

Nach der Jahrhundertwende befaßte man sich im Gemeinderat sehr intensiv mit der Planung für ein neues gemeindeeigenes Gaswerk. Der Ankauf des bisherigen mittlerweile total veralteten Gas­werkes der Firma Schulde konnte weder dem Bedarf entspre­chend vergrößert noch umfangreich erneuert werden. Die zwi­schen den Wohnstraßen eingezwängte Werksanlage hatte schon beim ersten Bau der Gasanlage erhebliche Schwierigkeiten. Ein großer zeitgemäßer Gasometer mit den erforderlichen Sicher­heitsabständen war hier nicht mehr unterzubringen.

 

In dem Ingenieur Ed. Kölwel aus Zweibrücken fand die Gemeinde einen erfahrenen Fachmann für die Planung und Ausführung voll­ständiger Gas-und Wasserwerke. Vorgesehen war das Gelände zwischen dem Schlachthofneubau, dem Herrensohrer Weg und dem Sulzbach (heute Betriebsgelände der Elektroabteilung der Stadtwerke). Die Bemühungen des Bürgermeisters Petermann um den Erwerb weiterer Flächen in diesem Bereich erwiesen sich wegen überhöhter Forderungen als sehr schwierig, insbesondere bei den zur Mühle gehörenden Teilflächen. Im Juni 1901 erhielt dann die Berlin-Anhaltische Maschinenbau-Actien-Gesellschaft von drei in der engeren Auswahl stehenden Bewerbern den Zu­schlag zur Errichtung des Gaswerkes.

 

Das Rohrnetz sollte von dem Ingenieurbüro Ed. Kölwel ausgebaut werden, Beginn der Arbeiten im Juli 1902. Die Kostenvoranschläge wiesen rund 260.000,-Mark aus. Dieser Betrag sollte mit einem Kredit der Landesbank der Rheinprovinz aufgebracht werden.

 

Während der Ausbau des Rohrnetzes zügig voranschritt, gab es bei den Arbeiten zum Gaswerk verschiedene Verzögerungen, so daß die ausführende Firma mehrmals von Bürgermeister Peter­mann ernsthaft angemahnt werden mußte. Im Frühjahr 1903 wur­de der neue Gasbehälter mit 1.000 cbm Inhalt montiert.

 

 

 

Der Tag der Inbetriebnahme des neuen Gaswerkes kam immer näher. Die Firma Schulde stellte Anfang Juli 1903 ihren Betrieb ein, die Versorgung der zahlreichen Haushaltungen mit Haushalts­gas und die Straßenleuchten vom neuen Gaswerk aus konnte beginnen. Da aber ständig neue Haushaltungen an das Rohrnetz angeschlossen werden wollten, konnte die Firma Ed. Kölwel Nachf. ihre Arbeit nicht beenden. Schon in den nächsten Jahren zeigte sich, daß bei dem zunehmenden Bedarf an Gas der vor­handene Gasometer mit seinen 1.000 cbm nicht mehr ausreichte. Am 20. September 1907 fertigte der Kreisausschuß des Kreises Saarbrücken die Genehmigungsurkunde für die Erweiterung des Gaswerkes aus; ein zweiter Gasometer mit größerem Rauminhalt kam hinzu, die Ofenanlage wurde vergrößert. Schon Ende 1908 wurde der zweite Gasometer in Betrieb genommen.

 

Man hatte im Juli 1903 mit einer Tagesleistung von 1.250 cbm Gas begonnen, die nach und nach auf 4.000 cbm anstieg.

 

Interessanterweise hat die Gemeinde Dudweiler - wie andere Ge­meinden des heutigen Saarlandes auch - ihre Gasversorgung an die "Gasanstalt-Betriebsgesellschaft Berlin" für eine Summe von 55.000,-Mark jährlich verpachtet.

 

 

 

Der am 1.4.1911 abgelaufene Vertrag wurde erneuert, zum 1.4.1921 jedoch wegen Unstimmigkeiten mit der Gesellschaft von der Gemeinde gekündigt.

 

Mittlerweile war die Tagesleistung auf 12.500 cbm angestiegen. Die schon 1913 begonnenen Erweiterungen und der Ausbau eines Versorgungsnetzes nach Fischbach und Heusweiler brachten die­ses Ergebnis.

 

Ab 1.4.1921 übernahm die Gemeinde Dudweiler die Verwal­tung des Gaswerkes, das noch bis 1936 den Gasbedarf selbst produzierte.

 

Im April 1910 bemühte sich Bürgermeister Jost um einen Gleisan­schluß zum Gaswerk und zum Schlachthof, weil die ständig stei­genden Fuhr-und Arbeitslöhne die Betriebskosten verteuerten.

 

Die Königliche Eisenbahndirektion gab ihre Zustimmung für einen Gleisanschluß hinter dem Stellwerk II am Südwestende des Bahnhofes. Die Baukosten, vom technischen Büro Fortshoff & Wilbert ermittelt, sollten 52.500,-Mark betragen. Da sich die Bausumme durch notwendige Änderungen der Planung mehrmals erhöhte, nahm die Gemeinde vorerst wieder Abstand von dem Vorhaben. Zu einem späteren Zeitpunkt erhielten dann Schlachthof und Gas­werk doch noch ihren Gleisanschluß, vermutlich nach den bereits vorhandenen Plänen.

 

 

 

Am 1.9.1936 übernahm die Röchling-Kokerei Altenwald die Versorgung des Dudweiler Gasnetzes. Zwanzig Jahre später erfolgte der Anschluß an das Versorgungsnetz der Saar-Ferngas A.G.

 

 

 

1956 brannten in Dudweiler, Herrensohr und Jägersfreude noch insgesamt 444 Gaslaternen, doch 10 Jahre später waren es nur noch 276. In den darauffolgenden Jahren wurden dann auch die letzten Gaslaternen demontiert und durch elektrische Leuchten ersetzt.

 

Der Lampenanzünder - "de Lampemann" wie man sagte - ist aus unserem Ortsbild verschwunden. Nur einer bemüht sich noch, in Eisen geschmiedet, auf dem Alten Markt die Erinnerung daran wachzuhalten. Und in manchen Dudweiler Gärten künden die alten Gaslaternen, wenn auch heute mit elektrischer Beleuchtung, von der Zeit, als Dudweiler sein eigenes Gaswerk hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellennachweis

 

 

 

„Geschichte der deutschen Gasindustrie“, Johannes Körting

 

 

 

„Lampen . Laternen· Leuchten“, Ernst Rebske

 

 

 

„1.000 Jahre“, Dudweiler··

 

 

 

"Geschichte der Gemeinde Dudweiler", A. Ruppersberg

 

 

 

Geschichte des Saarlandes Heft 3, "Die wirtschaftliche Entwicklung 1815-1918"

 

 

 

"125 Jahre Gas für Saarbrücken", Herausgegeben von den Stadtwerken Saarbrücken

 

 

 

"Acta specialia", Altes Archivmaterial der ehemaligen Gemeinde Dudweiler.

 

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