Joachim Heinz

 

 

 

Zur Geschichte des Friedrich-Ebert-Denkmals in Herrensohr

 

 

 

Am 28.2.1925 starb Friedrich Ebert (1871-1925). Wie kein anderer symbolisiert der Sattlergeselle aus Heidelberg den Über­gang vom obrigkeitsstaatliehen Kaiserreich zur demokratischen Republik.1)

 

Als Sozialdemokrat, führende Kraft im Rat der Volksbeauftragten und erster Reichspräsident der Weimarer Republik war er aber auch eine der Hauptzielscheiben verleumderischer Angriffe demo­kratiefeindlicher Kräfte.

 

 

 

„Am 28. Februar 1925 starb Friedrich Ebert, der erste Präsident der deutschen Republik, verleumdet und gehetzt von allen Fein­den des Volksstaates, den er mit Klugheit und Geschick geleitet, mit hoher Würde trotz aller Einfachheit seiner Person repräsentiert hatte. Als Mann der Arbeit und der höchsten Pflichterfüllung hat er sich wie immer, so auch in diesem Amt erwiesen. Er war ein Diener der Republik, der er alle seine Kraft und seinen scharfen Verstand gewidmet hat. In Treue und Liebe stand er zu dem Volke, das ihn erst ganz zu würdigen begann, als er ihm unwiederbringlich ver­loren war. Freund und Feind senkten die Fahnen an seiner Bahre und erkannten, was Deutschland an ihm verloren hatte. Nach menschlicher Voraussicht hätte er sich noch lange dem Dienst am Volke widmen können, hätte nicht ein schamloser Verleumdungs­feldzug sein Leben verbittert, seine Widerstandsfähigkeit unter­graben. Wir sprechen es mit vollem Bedacht aus: auch Ebert war ein Opfer jener gewissenlosen, vor keiner Niedertracht zurück­schreckenden Brut, die den deutschen Namen schändet, obwohl sie prahlt, deutschen Geist, deutschen Willen und deutsche Hoch­ziele allein vollbringen zu können ...“2)

 

 

 

Für Sozialdemokraten, Republikaner und viele Mitglieder der Zen­trumspartei hätte der Bruch kaum größer sein können, wie der Wechsel in der Position des Reichspräsidenten von Ebert zu Hin­denburg, einer Symbolfigur des deutschen Imperialismus, der im April 1925 im zweiten Wahlgang in dieses Amt gewählt wurde.

 

Max Braun, der damalige Chefredakteur der Volksstimme, dem in Saarbrücken erscheinenden Organ der Sozialdemokratischen Partei für das Saargebiet, schrieb zu diesem Wechsel:

 

 

 

„Auf den Sozialisten Friedrich Ebert folgt der Junker und Militarist Hinden­burg. Auf den Politiker, Staatsmann und Volksführer Ebert mit dem politischen Weitblick, dem diplomatischen Takt und Fingergefühl, der staatsmännischen Ein- und Umsicht und dem großen mitfüh­lenden Herzen ist der Gamaschenknopf mit dem Brett vor der Stir­ne, mit der Stupidität des Empfindens ... und der Armut und dem Mangel an jeder politischen und staatsmännischen Idee gefolgt. Wenn sich eine Nation jemals blamieren kann, dann hat sich die unsere gestern unsterblich blamiert. Hoffen wir nur, daß diese Lä­cherlichkeit nicht tödlich ist." 3)

 

 

 

Vielleicht hat dieser, in der Wahl Hindenburgs zum Ausdruck kom­mende politische Richtungswechsel die Sozialistische Arbeiterju­gend (SAJ) Herrensohr und die SPD Herrensohr in ihrem Vorha­ben bestärkt, Friedrich Ebert ein Denkmal zu setzen.

 

Erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde dieses Vor­haben durch folgende Notiz in der Volksstimme:4)

 

 

 

„In der Mitgliederversammlung von vergangenen Sonntag im Lo­kale Nonnweiler wurde beschlossen, für Sonntag, den 16. August hier selbst eine große Kundgebung für Partei und Sozialistische Arbeiterjugend zu veranstalten. Zu dieser Kundgebung ist vorge­sehen die Enthüllung des Gedenksteines unseres großen Staats­mannes, unseres Parteigenossen und ersten Präsidenten der deutschen Republik, Friedrich Eber!. Der Gedenkstein wird von der SAJ und der SPD der hiesigen Ortsgruppe mit einer schönen Anlage erbaut werden. Die Vorarbeiten hierfür sind getroffen. Wei­terhin soll die Bannerweihe der Ortsgruppe vorgenommen werden. Hierzu wird eine besondere Einladung an die Ortsgruppen der Agitationsbezirke Sulzbach, Saarbrücken, Völklingen, Neunkir­chen und St. Ingbert ergehen. Wir möchten daher schon jetzt diese Ortsgruppen bitten, uns an diesem Tage zu unterstützen und keine besonderen Veranstaltungen zu treffen. Die Festkommission, die gewählt wurde, wird dafür sorgen, daß am 16. August eine würdige Kundgebung zustandekommt, wo die sozialdemokratische Partei zeigen wird, wer für ein einheitliches Deutschland, wer für Völker­versöhnung und wer für das Wohl der gesamten Arbeiterschaft national sowie international eintritt."

 

 

 

Der Termin für die Denkmalsweihe wurde später auf Sonntag, den 13.9.1925 verschoben. Dies hing mit dem Terminkalen­der des Hauptredners der Einweihungsfeier, Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD), zusammen, der von Herrensohr aus zum Hei­delberger SPD-Parteitag weiterfuhr, der vom 13. bis 18.9. in der Heidelberger Stadthalle tagte. Ein sechzehner Festaus­schuß zur Friedrich-Ebert-Gedenksteinenthüllung wurde unter Vorsitz des Herrensohrer SPD-Genossen Karl Rimbach gegrün­det.5)

 

Nachdem die Regierungskommission des Saarlandes es abge­lehnt hatte, das Denkmal auf staatlichem Gelände errichten zu lassen,6) stellte die städtische Forstverwaltung Saarbrücken an der Grühlingsstraße, die durch den Stadtwald von Herrensohr nach Saarbrücken führte, geeignetes Gelände zur Verfügung.7)

 

Das Gelände um den Denkmalplatz wurde in Eigenarbeit herge­richtet. So war in der Volkstimme zu lesen:

 

 

 

„Am Sonntag, den 16. August, früh 7 Uhr, treffen sich sämtliche Parteigenossen der hie­sigen Ortsgruppe im Arbeitsanzug am Bauplatz des Denk­mals... " 8)

 

 

 

Der Platz am Denkmal sollte später als Ausflugsort und Raststätte für Wanderer und Besucher der Gedenkstätte dienen. Der Gedenkstein

 

 

 

ist aus Eisenbeton hergerichtet, ist 2,60 Meter hoch und 1,40 Meter breit. Die Inschrift lautet: 'Deutschlands er­stem Reichspräsidenten Friedrich Ebert', gewidmet von seinen Genossen der SPD und SAJ Herrensohr. Das Denkmal wird mit Tannen umpflanzt. Es werden weiter vier Ruhebänke in der Anlage errichtet. Die Forstverwaltung Saarbrücken hat einen schönen, geeigneten Platz in zuvorkommender Weise zur Verfügung ge­steilt. Durch die Instandsetzung der Anlage ist einem manchen Ausflügler die Möglichkeit geboten, sich hier einige Stunden nie­derzulassen ... "9)

 

 

 

Die Denkmalsweihe - eine der größten republikanischen Fei­ern im Saargebiet der Völkerbundszeit

 

 

 

Akribisch wurde sowohl der Ablauf der Einweihungsfeierlichkeiten als auch der Aufmarsch der nicht nur aus dem Saargebiet kommenden Teilnehmer durch die Festkommission geplant.

 

Der Ablauf am 12. und 13.9. wurde wie folgt festgelegt:

 

 

 

„Am Samstag, den 12.September, abends zwischen 6,30 und 7 Uhr, treffen die Trierer Arbeitersänger auf dem Bahnhof Jägers­freude ein. Dieselben werden mit der Holzer Musikkapelle zum Lokal Nonnweiler geführt, woselbst der Festkommers stattfindet. Für diesen Abend ist folgendes Programm vorgesehen: Punkt 8 Uhr abends: 1. Eröffnungsmarsch ; 2. Prolog, gesprochen von der Jugendgenossin Käthe Rimbach; 3. Begrüßungsansprache des Genossen Kemp als Vertreter der Ortsgruppe; 4. Musikstück; 5. Tord Feieson ' von Uthmann, Freie Sänger Trier; 6. Ansprache des Genossen Valentin Schäfer, Bezirksleiter der SPD Saargebiet; 7. Musikstück; 8. Ein Sang der Heimat; 9. Rezitationen von Oster­roth-Saarbrücken; 10. Musikstück; 11. Volkstanz SAJ; 12. 'Spiel­mann' von Krämer, Freie Sänger Trier; 13. Musikstück; 14. Mas­sengesang der Internationale mit Musik.

 

Am Sonntag, den 13. September, vormittags 9 Uhr, Empfang der auswärtigen Vereine und Aufstellung zum Festzuge. Die Festzugs­ordnung ist folgende: 1. Radfahrer; 2. Wagen mit Parteiveteranen ; 3. Musikkapelle; 4. SAJ, Sportler und Naturfreunde; 5. Arbeiter­sänger; 6. Deputationen, die Kränze am Denkmal niederlegen; 7. Bezirk Saarbrücken; 8. Bezirke Völklingen, Dillingen und Merzig; 9. Neunkirchen, Ottweiler, Sulzbach; 10. St. Ingbert, Homburg; 12.(!) alle übrigen Festzugsteilnehmer.

 

Am Denkmal wird die Feier eröffnet durch einen Musikchoral der Holzer Kapelle. Es folgt der Arbeitergesangverein St. Arnual mit  einem 'Festgesang' von Uthmann. Hierauf Begrüßungsansprache seitens der Ortsgruppe durch den Genossen Kemp und der Be­zirksleitung durch den Genossen Valentin Schäfer. Dann nimmt der Genosse Reichstagspräsident Löbe die Einweihung vor und hält die Festrede. Es folgt der Arbeitergesangverein Freie Sänger Trier mit Tord Feieson' von Uthmann. Der französische Genosse Paul Faure Paris spricht. Es folgt der Männergesangverein 1864 Sulzbach. Nun erfolgen Kranzniederlegungen der einzelnen De­putationen am Denkmal. Der Frauenchor "Solidarität" wird hierauf singen. Am Schlusse des Weiheaktes Massengesang der Inter­nationale. Nachmittags von 2 Uhr ab Konzert, sportliche Vorfüh­rungen und Volkstänze der SAJ und Naturfreunde. Abends 7 Uhr Rückmarsch zum Lokal Nonnweiler, wo selbst Radkunstfahren, Radballspiel mit Konzert stattfindet." 10)

 

 

 

Dieser generalstabsmäßig ausgearbeitete Ablaufplan zeugt zum einen von dem hohen symbolischen Wert, den solche Aufmärsche zur Demonstration der eigenen Stärke, zur Festigung des Selbst­bewußtseins in der deutschen Arbeiterbewegung hatten, zum an­deren von dem in der Weimarer Republik noch vorhandenen brei­ten Spektrum der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, das sich insbesondere in den Kulturorganisationen (Arbeitersportler und -sänger) zeigte.

 

Teilweise schon Stunden vor dem offiziellen Beginn der Einwei­hungsfeier in Herrensohr marschierten die SPD-Ortsgruppen der Großstadt Saarbrücken, aus dem Sulzbachtal und aus dem Bezirk St. Ingbert in langen Demonstrationszügen mit Musik und viel Fah­nenschmuck in Richtung Herrensohr.11) Für die Teilnehmer aus Richtung Neunkirchen und aus Merzig hatte die SPD zwei Son­derzüge gechartert. 12)

 

Aber auch Parteigruppen aus Köln, Trier, Kaiserslautern und Pir­masens hatten sich angekündigt. In den Aufrufen der SPD zur Teilnahme an der Denkmalseinwei­hung wird deutlich, daß dies eine Veranstaltung nicht nur der sozialistischen Arbeiterbewegung sein sollte, sondern ein parteiüber­greifendes Bekenntnis zu Demokratie und Republik. "Alle Republikaner und Demokraten von St. Ingbert und Umge­bung sind eingeladen, sich an der Veranstaltung zu beteiligen", hieß es beispielhaft im Aufruf des SPD-Agitationsbezirks St. Ing­bert. 13)

 

Daß gerade durch die SPD in Herrensohr das erste Denkmal für Friedrich Ebert aufgestellt wurde, hatte nach Ansicht von Max Braun eine dreifache Bedeutung.14) Zum einen sieht er darin, daß das erste Ebertdenkmal "nicht aus der Hand einer Behörde, nicht durch irgendeine staatliche oder kommunale Stelle, nicht irgendein Honoratiorenkollegium ... die­ses erste Denkmal Tür Friedrich Ebert beschlossen und ausführen" hat lassen, keinen Zufall, sondern ein "bedeutender Beweis für die tiefe Verehrung, die das Andenken an unseren Genossen Friedrich Ebert im Herzen der breiten Schichten unseres Volkes wach er­hält. Weiterhin meint Max Braun:

 

 

 

„Auch daß das erste Ebert Standbild ausgerechnet im Saargebiet entstand, ist tieferer Be­deutung voll. Das Saarvolk, durch den unglücklichsten aller Ver­träge zwischen Deutschland und Frankreich gestellt und mit einer Abstimmung nach 15 Jahren wider seinen Willen bedacht, sehnt sich mit allen Fasern seines Herzens nach der Rückkehr zum deut­schen Mutterlande. Es weiß und fühlt es mit dem geschärften In­stinkt jeder Grenzbevölkerung, daß hier aus dem Saargebiet nicht ein zweites Elsaß-Lothringen werden darf, das wiederum ein Jahr­tausend lang den Zankapfel zwischen zwei Völkern abgeben wür­de. Es muß daher nicht nur um seiner selbst, sondern auch um Europa willen, baldmöglichst nach Deutschland zurück und er­kennt klar, daß seine Schicksalsfrage aufs engste verflochten ist in das Gesamtproblem der deutsch-französischen Verständigung. Von dieser Verständigung hängt nicht nur das Schicksal unseres Vaterlandes und das Frankreichs ab, sondern auch das des gesamten Europa. Wer aber hätte in seiner Tätigkeit als Politiker oder Staatsmann dieser ersten und letzten aller aktuellen politischen Aufgaben in Europa mehr und bewußter gedient als unser Fried­rich Ebert?! Der weiseste Diplomat auf dem Präsidentenstuhle, abhold jeden Nationalismus und aufs innigste zugetan jener von uns seit Jahrzehnten verfochtenen Verständigung der Völker-: daß wir ihm, dem Wegbereiter einer neuen Epoche der europäischen Menschheit, auf dem Boden des Landes, das mit dazu berufen ist, eine Brücke zu werden der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, ein Denkmal setzen, hat besonderen Sinn und größ­te Bedeutung. Friedrich Ebert, der erste Präsident des neuen Deutschland, muß seinen Geist ausgießen, gerade in die von Chauvinismus und Revanchehetze durchtobten Grenzgebiete ­das ist die zweite Proklamation dieses Denkmals.

 

Ihr folgt die dritte, wenn morgen die Republikaner des Saargebie­tes, die Sozialdemokraten, die Demokraten, die Links-Zentrums­leute, die Pazifisten aller Couleur am Denkmal Friedrich Eberts versammelt sind und von diesem Denkmal aus neben dem Ge­löbnis zur europäischen Verständigung auch der Schwur unver­löschlicher Treue zum deutschen Vaterlande erklingt. Und im Gei­ste Friedrich Eberts werden wir morgen die schwarz-rot-goldenen Fahnen erheben und in seinem Andenken den alten Vorsatz im neuen Geiste festigen

 

 

 

Einigkeit und Recht und Freiheit

 

für das deutsche Vaterland

 

danach laßt uns alle streben,

 

brüderlich mit Herz und Hand.

 

Einigkeit und Recht und Freiheit

 

sind des Glückes Unterpfand.

 

Blüh' im Glanze dieses Glückes,

 

blühe. deutsches Vaterland!!.

 

M.B."

 

 

 

Fazit: Das Ebert-Denkmal in Herrensohr als Symbol für die Repu­blik und die deutsch-französische Verständigung. auf deren Hin­tergrund dann die Rückkehr der Saar zu Deutschland zu regeln wäre: Mahnmal gegen Chauvinismus und antirepublikanische Kräfte.

 

 

 

Die Einweihungsfeier

 

 

 

Die Veranstaltung zur Einweihung des ersten Ebert-Denkmals am 13.9.1925 in Herrensohr verlief wie von der Festkom­mission geplant unter Teilnahme von einigen tausend Menschen. Die Angaben der Teilnehmerzahlen gehen stark auseinander. "Zehntausende von Republikanern und Sozialisten" meldete die Volksstimme;15) die Beteiligung von "20.000 bis 25.000 Soziali­sten und Republikanern" meldete der Vorwärts16), während die Saarbrücker Zeitung von "ungefähr 4.000 Angehörige der Sozial­demokratischen Partei, des Reichsbanners und der proletarischen Jugend" sprach.17) Sieht man von den großen antifaschistischen Veranstaltungen im Abstimmungskampf 1933/35 ab18), so war die Denkmalseinweihung in Herrensohr jedenfalls eine der größten Veranstaltungen der Sozialdemokraten und Republikaner in der Zeit der Völkerbundsherrschaft an der Saar. Mitglieder des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold der Ortsgruppen Kaiserslautern, Pirmasens, Trier und Köln sorgten für den reibungslosen organisatorischen Ablauf.

 

Nach kurzen Begrüßungsansprachen durch den Vorsitzenden der Herrensohrer SPD, Kemp und den Vorsitzenden der SPD Saar­gebiet, Valentin Schäfer, der explizit auch die Teilnehmer der de­mokratischen Partei begrüßte, hielt Reichstagspräsident Paul Löbe seine etwa halbstündige Festansprache. Löbe erinnerte an drei Etappen im Leben Friedrich Eberts:

 

 

 

Ebert, das Kind des Vol­kes, Ebert der Arbeiterführer und Ebert der Staatsmann.

 

 

 

„Ein Reich bricht zusammen, ein Zehnmillionenheer kehrt zurück, sein Füh­rer, ein Kronenträger, entweicht ins Ausland, seine Ratgeber ver­zweifeln, die herrschende Klasse läßt die Zügel sinken, Chaos, Bürgerkrieg, Hungersnot und feindliche Invasion stehen vor der Tür. Da steht er auf, tief unten aus der Masse des Volkes, als aller Glanz und Ruhm verblaßt ist und alle Herrlichkeit zerschellt war, da kommt er, aus der Klasse, die man die Staatskunst nie gelehrt, die man ferngehalten hat von der staatsbürgerlichen Bildung, da kommt der Mann aus dem Volke, dem die Verzweifelten noch Ver­trauen entgegenbringen .... Er bildet den starken Block, der unter der republikanischen Verfassung zusammenhält, was auch feind­liche Gewalt uns nicht nehmen konnte ... Seine gewichtige Stimme schafft eine demokratische Ordnung, wo andere Terror und Dikta­tur einsetzen wollen. Ein Ministerium nach dem anderen sieht er kommen und gehen und bleibt der feste Fels, der immer wieder einen Ausweg findet. Kapp, Hitler, Inflation, siedrohen das Wenige, was gerettet ist, aufs neue zu gefährden. Auch dieser neuen An­griffe wird er Herr ...

 

Werte Freunde! Ich werde das Gefühl nicht los, ich habe die feste Überzeugung, die Giftpfeile der Gegner haben ihn getötet... An uns aber ist es, sein Gedenken wachzuhalten und sein Werk fort­zusetzen und seinen Namen zu denen zu tragen, die nach uns kommen... Wir werden den Verstorbenen ehren, wenn wir sein Werk weiterführen. Und ich bitte Sie, diese Gesinnung zusammen­zufassen, daß unsere Republik eine gemeinsame, eine freie, eine soziale werde. In diesem Sinne: die deutsche Freiheit und die deut­sche Republik, sie lebe hoch!" 19)

 

 

 

Ohne hier auf den Inhalt der Rede Löbes einzugehen, so kann doch festgestellt werden, daß sie in ihrer Pathetik typisch war für viele Reden in der Arbeiterbewegung bei vergleichbaren Anlässen. Kranzniederlegungen, auch von der demokratischen Partei Neun­kirchen, folgten.20) Nach Angabe des Vorwärts sollen auch Mit­glieder der Zentrumspartei des Saargebietes an der Einweihungs­feier teilgenommen haben.21)

 

Der als Redner angekündigte französische sozialistische Kam­merdeputierte Paul Faure war aus unbekannten Gründen nicht erschienen.

 

In den nächsten Jahren wurde der Platz um das Friedrich-Ebert­-Denkmal auch mit Unterstützung der Stadt Saarbrücken22) ver­schönert und zu einem Ausflugsziel und Veranstaltungsort ausge­baut. Im Sommer, wenn zahlreiche Besucher am Denkmal Rast machten, hatte der Herrensohrer "Genosse Heuer, Rosenstr. 27", einen Getränkestand für die Besucher aufgestellt.23)

 

Nach der Anlage von Blumenbeeten und der Aufstellung etlicher Ruhebänke wurde im Sommer 1928 durch die Stadt Saarbrücken eine Schutzhalle am Ebert-Denkmal erstellt.24) Im gleichen Jahr veranstaltete die SPD am Herrensohrer Denkmal am 12. August die Verfassungsfeier zu Ehren der ersten, 1919 verabschiedeten demokratischen Reichsverfassung.25)

 

 

 

„Die Friedrich-Ebert-Anlage am Friedrich-Ebert-Denkmal beginnt immer mehr an Bedeutung für Wanderer und Ausflügler zu gewin­nen. Die städtische Forstverwaltung hat bereits die von dem Denk­malausschuß beantragte Schutzhütte fertiggestellt. Auch haben mehrere Papierkörbe Aufstellung. Längs der Grühlingstraße, die von Saarbrücken nach dem Denkmal führt, sind mehrere Ruhe­bänke errichtet worden, so daß der städtischen Bevölkerung, die einen Ausflug nach hier vornimmt, Gelegenheit gegeben ist, auch unterwegs sich etwas ausruhen zu können. Etwa 400 Meter von dem Denkmal entfernt liegt das bekannte Fischbachschwimmbad, in dem sich in den warmen Sommertagen Tausende von Men­schen beiderlei Geschlechts im freien Wasser abkühlen können. Am Denkmal selbst hat der alte Genosse Heuer, der auch bereits über 40 Jahre der Sozialdemokratischen Partei angehört, jeden Sonntag seinen Erfrischungsstand aufgestellt..." 26)

 

 

 

Zerstörung und Vergessenheit

 

 

 

Im Abstimmungskampf an der Saar 1933/35 wurde seitens der nazistischen 'Deutschen Front' auch gewaltsam versucht, das Ab­stimmungsergebnis in ihrem Sinne zu beeinflussen. Anhänger der Status-Quo-Bewegung wurden bedroht, tätlich angegriffen, Eigen­tum der Status-Quo-Anhänger und deren Parteien beschädigt oder zerstört.27)

 

Auch auf das Ebert-Denkmal in Herrensohr, Symbol für Demokra­tie und Republik, wurde (mindestens) ein Anschlag verübt, wie in der Volkstimme zu lesen ist:

 

 

 

„Wie erst jetzt bekannt wurde, ist vor einiger Zeit auf das bei Herrensohr im Walde stehende Ebert­denkmal ein Anschlag verübt worden. Die Täter haben die Ge­denkplatte mit Hakenkreuzen verunziert und ihrer Zerstörungswut auch an den umliegenden Anlagen freien Lauf gelassen. Über die Herkunft der Täter aus nationalsozialistischen Kreisen dürfte an­gesichts der hinterlassenen Spuren wenig Zweifel bestehen."28)

 

 

 

Ob die Gedenkstätte völlig zerstört war oder ob das Denkmal viel­leicht später nochmals Opfer eines Anschlags wurde bleibt (vor­erst) ungewiß. Jedenfalls berichtet die Volksstimme bis Januar 1935 von keiner Aktivität der SPD oder SAJ zur Wiederherstellung der Denkmalsanlagen, was wohl aus Gründen der starken Gefahr neuerlicher Zerstörungen unterblieb.

 

In jüngster Zeit wurde der Wiederaufbau des Denkmals in Herren­sohr diskutiert, ohne daß bisher eine Grundsatzentscheidung ge­fallen, ein eventueller Standort oder die Finanzierung geklärt wäre.

 

 

 

Gerade in einer Zeit, die die Gefahr neu aufkommender nationaler Überheblichkeit in sich birgt, und die durch verstärkte rechtsradikale Militanz gekennzeichnet ist, bestände mit der Wiederherstellung des Ebert-Denkmals in Herrensohr die Möglichkeit, an die demokratische, republikanische, auf Völkerverständigung gerichtete Tradition in der deutschen Geschichte zu erinnern.

 

 

 

Wie damals wäre auch heute die Aufstellung des Denkmals im Saarland - mit Blick auf die saarländi­sche Geschichte - nicht ohne tiefere Bedeutung.

 

 

 

 

 

 

 

ANMERKUNGEN

 

 

 

1)    Vgl. zur historischen Diskussion über Friedrich Ebert: Peter·Christian Witt, Friedrich Ebert. Parteiführer Reichskanzler Volksbeauftragter Reichspräsident. Bonn 1987; Rudolf König, Hartrnut Soell, Hermann Weber (Hrsg.), Friedrich Ebert und seine Zeit. Bilanz und Perspek­tiven der Forschung. München 1990.

 

2)    Protokoll des Sozialdemokratischen Parteitags 1925 in Heidelberg. Unveränderter Nachdruck der Ausgabe Berlin 1925. Glashütten im Taunus 1974, S. 23.

 

3)    Max Braun, Das Unglaubliche wird Ereignis, in: Volksstimme vom 27.4.1925.

 

4)    Volksstimme Nr. 133 v. 12. Juni 1925: „Aus der Partei"

 

5)    Volksstimme Nr. 155 v. 8. Juli 1925.

 

6)    Der Vorsitzende der SPD in Herrensohr, Kemp, teilte dies in seiner Begrüßungsrede bei der Einweihung des Denkmals mit, vgl.: Saar-Freund. Nachrichten aus dem abgetrennten Saar­ und Pfalzgebiet. Mitteilungsblatt des Bundes „Saar-Verein" Nr. 18 (1925), S. 304; Saarbrücker Zeitung Nr. 251 (Beilage) v. 14. September 1925.

 

7)    Volksstimme Nr. 178v. 4. August 1925: „Aus der Partei"

 

8)    Volksstimme Nr. 188v. 15. August 1925: „Aus der Partei".

 

9)    Volksstimme Nr. 178 v. 4. August 1925: „Aus der Partei".

 

10) Volksslimme Nr. 209 v. 9. September 1925, 1. Beilage: „Aus der Partei"

 

11) Vgl. Volksstimme Nr. 207 v. 7. September und Nr. 208 v. 8. September 1925.

 

12) Volksstimme Nr. 209 v. 9. September und Nr. 210 v. 10. September 1925.

 

13) Volksstimme Nr. 208 v. 8. September 1925 (1. Beilage).

 

14)  M.B., "Ein Sohn des Volkes", in: Volksstimme Nr. 212v. 12. September 1925.

 

15) Volksstimme Nr. 213 v. 14. September 1925.

 

16) Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschland Nr. 435 (Morgenausgabe) v. 15. September 1925.

 

17) Saarbrücker Zeitung Nr. 251 (Beilage) v. 14. September 1925.

 

18)  Z.B. am 26. August 1934 in Sulzbach und am 6. Januar 1935 auf dem Kieselhumes.

 

19) Saarbrücker Zeitung Nr. 251 (Beilage) v. 14. September 1925.

 

20) Ebenda.

 

21) Vorwärts Nr. 435 (Morgenausgabe) v. 15. September 1925.

 

22) Stadtarchiv Saarbrücken, Bestand: Großstadt Saarbrücken, Nr. 5511

 

23) Volksstimme Nr.113 v. 16. Mai 1927

 

24) Volksstimme Nr. 176 v. 31. Juli 1928 (2. Beilage).

 

25) Ebenda und Nr. 188 v. 14. August 1928.

 

26)  Volksstimme Nr. 183 v. 8. August 1928.

 

27) Gerhard Paul, „Deutsche Mutter - Heim zu Dir" oder warum es mißlang Hitler an der Saar zu schlagen. Der Saarkampf 1933 -1935. Diss. (masch.) 2 Bände. Kassel 1934, Bd. 1, S. 477 ff.

 

28) Volksstimme Nr. 23 v. 27. Januar und Nr. 26 v. 31. Januar 1934.

 

29   Für weitere Informationen über das Ebert-Denkmal in Herrensohr ist der Autor ebenso dankbar wie über die Identifikation der auf den Fotos abgebildeten Personen: Joachim Heinz, Am Sandberg 3, 6602 Dudweiler, Tel. 06897/75919.

 

 

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