Rainer litze

 

 

 

Spuren einer Kindheit

 

 

 

Aus dem kurzen Leben eines "Dudweiler Bub" im 19. Jahrhundert

 

 

 

Wir schreiben 1989, im Zeitalter der Nachrichten-Elektronik. Im Radio hören wir in den stündlichen Nachrichtensendungen, daß in unserer Stadt ein kleiner Junge verschwunden ist. Beamte von der Kripo erscheinen bei der Familie des Knaben, befragen die Eltern und Geschwister, die anderen Hausbewohner, die Nachbarn. Es werden Keller aufgebrochen, Polizisten mit Funkgeräten laufen herum, Suchkommandos mit Spürhunden durchstreifen den na­hen Wald, die Baustellen. Taucher durchforschen den Grund des Weihers. Das Foto des Jungen wird herumgereicht, in den Ge­schäften, am Bahnhof, an jedem Taxistand, an allen Grenzstatio­nen. Ein Übertragungswagen des Fernsehens rollt an, und abends haben wir das Foto des Jungen in Farbe auf unserem Bildschirm. Und überall klingelt das Telefon. Man ruht nicht eher, als bis der Kleine gefunden ist. Im 20. Jahrhundert kann doch ein Kind nicht so einfach verschwinden!

 

 

 

Vor 115 Jahren verschwand aus Dudweiler der zehnjährige Ru­dolf, ältester Sohn des Tünchers (Anstreichers) Rudolf H. und sei­ner Ehefrau Magdalene H., geborene Gebhard. Anscheinend machten sich die Eltern darüber keine allzu trüben Gedanken, sie meldeten das Verschwinden auch nicht der Ortspolizei. Im Übri­gen hatten sie ja noch mehrere andere Kinder, die es zu versorgen galt.

 

Ein Gendarm im elsässischen Zabern (Saverne), das seit 1871 wieder zum Deutschen Reich gehörte, machte am 18. März 1884 der kaiserlichen Kreisdirektion Meldung, "daß sich der 11 Jahre alte Knabe Heinrich H., Sohn des Tünchers Rudolf H. in Duttwei­ler, Kreis Saarbrücken, schon seit einigen Monaten auf dem Strohhof, Gemeinde Oermingen, aufhält", wovon der Gutsbesit­zer Friedrich Stroh der Ortsbehörde in Oermingen Anzeige ge­macht hatte. "Der Bürgermeister aus Oermingen schrieb an die Ortsbehörde in Duttweiler (ein Telefon gab es ja noch nicht), er­hielt jedoch bis jetzt keine Antwort1). Heinrich (so nannten ihn seine Eltern, um ihn nicht mit seinem Vater Rudolf verwechseln zu lassen) besuchte natürlich nicht die Oerminger Dorfschule, wes­halb gegen den Jungen eine Anzeige "wegen Entziehung des Schulbesuches und friedlicher Entfernung von seinen Eltern erho­ben" wurde. Er war "bezüglich seiner Erziehung sich selbst über­lassen", stromerte auf dem großen Landgut herum und ernährte sich von dem, was die mitleidige Bäuerin und die Mägde ihm zu­kommen ließen. Er wusch sich am Brunnen, wenn er dazu Lust hatte, und seine Kleidung, so der Gendarm mit dem vielverspre­chenden Namen "Wiederkehr", war natürlich "sehr verdorben und schmutzig". Wahrscheinlich übernachtete Heinrich im warmen Kuhstall.

 

Sogleich, nachdem der Kreisdirektor diesen Bericht gelesen hatte, schrieb er an den Saarbrücker Landrat von Richthofen, und weitere zwei Tage später, am 20. März, schickte dieser das Schreiben weiter nach Dudweiler, Bürgermeister Blum, der die er­ste Nachricht seines Oerminger Amtskollegen wohl erhalten, aber nicht beantwortet hatte, schrieb dem Königlichen Landrat drei Wo­chen später, nämlich am 15. April, daß "der Vater des genannten Knaben trotz wiederholter Aufforderung für die Rückkehr dessel­ben nicht Sorge trägt". Deshalb bitte er, Blum, das Landrathsamt, "die zwangsweise Überführung des Knaben H. nach seiner Hei­math auf Kosten der hiesigen Gemeinde (Dudweiler) geneigtest herbei führen zu wollen".

 

Bei Preußens legte man Wert auf strikte Einhaltung des Dienstwe­ges, und so schickte der Landrat am 17. April das Schreiben von Bürgermeister Blum weiter an die Kaiserliche Kreis-Direction nach Zabern, genau 4 Wochen, nachdem Gendarm Wiederkehr seinen Rapport abgeliefert hatte.

 

Wirft man einen Blick auf die Landkarte des Elsaß, so findet man die Gemeinde Oermingen 16 km südlich von Saargemünd, an der Eisenbahnlinie Saarbrücken - Straßburg. Mit dem Auto benötigt man eine knappe halbe Stunde von Dudweiler bis zum Strohhof, und mit dem Telefon kann man ihn von Dudweiler aus heutzutage direkt anwählen. Im Jahre 1884 aber schrieb man mit Federhalter und Tinte einen wohlformulierten Brief, verließ sich darauf, daß er schnellstens befördert, gelesen, mit einem Kommentar versehen und weitergeleitet werde, immer streng nach der preußischen Dienstvorschrift.

 

 

 

So schnell schießen die Preußen, nicht?

 

 

 

Kaum hatte der Zaberner Kreisdirektor die Saarbrücker Antwort gelesen, schrieb er auch schon an die Gendarmerie-Station in Diemeringen. Das war am 21. April. Fußgendarm Scheffner machte sich auf die Füße zum Strohhof, um den kleinen Heinrich festzunehmen, aber er fand ihn dort nicht mehr an. Gutsbesitzer Stroh, dem das alles viel zu langsam ging, erklärte Scheffner, er habe den Jungen am 29. März fortgeschickt. Heinrich sei darauf­hin auch verschwunden, aber "wohin derselbe gegangen, ist un­bekannt". Wohin geht ein Zehnjähriger, wenn er 35 km von zu Hause ent­fernt ist, keinen Pfennig in der Tasche hat und nicht per Anhalter fahren kann, weil das Automobil noch nicht erfunden ist?

 

Und vor allem: er ging nur ungern. Dieser große Gutshof mit sei­nen in weitem Viereck aufgestellten stroh gedeckten Ställen, Schuppen und Remisen aus der "napoleonischen Zeit" (so der heutige Besitzer), mit dreihundert Hektar Feldern, Wiesen und Ei­chenwäldern, Holzkohlenmeilern, Obstbäumen, mit mehr als zwanzig Landarbeitern (heute sitzt der dreizehnjährige Bauern­sohn auf dem Traktor und muß allein pflügen), mit eigenem Backo­fen, wo es täglich warmes, knuspriges Bauernbrot gab, von der fetten Kuhmilch ganz zu schweigen, -das hier war für mehrere Monate seine neue Heimat gewesen.

 

Jetzt mußte er fort. Am zweistöckigen Herrenhaus vorbei mar­schierte Heinrich auf dem schmalen Feldweg, der zur Landstraße führte. Dort angekommen wandte er sich nach links und ging den Berg hinunter in Richtung Oermingen. Nach einem Kilometer Fuß­marsch erblickte er die steinerne Brücke, die über die auch heute noch sich geruhsam dahinwindende Eichel führt, sah die große Kaserne auf dem gegenüberliegenden Hang, die ihn an ein riesi­ges Gefängnis erinnerte (was sie heute auch ist), er sah die qual­mende Lokomotive der Eisenbahn, die seit 1870 zwischen Saar­gemünd und Straßburg verkehrt, er dachte an den Gendarm, bei dem er sich in Oermingen melden sollte - und machte einen gro­ßen Bogen um den Ort. Vielleicht nahm ihn ein Bauer auf seinem Fuhrwerk mit bis nach Voellerdingen oder sogar bis Domfessel. Vorbei an der kleinen Dorfkirche aus dem 15. Jahrhundert stieg er die schmale Straße hinauf, die so eng ist, daß auch heute noch auf ihr keine zwei Pkw's aneinander vorbeifahren können, ohne sich die Außenspiegel abzurasieren . ..

 

Am 5. Mai 1884 meldete Bürgermeister Blum dem königlichen Landrat, daß "der Knabe Heinrich H. noch nicht in seinem elterli­chen Hause (in Dudweiler) eingetroffen" sei. Der königliche Land­rat schien es ebenfalls nicht sehr eilig zu haben mit der Suche nach dem Sohne eines einfachen Tünchers, denn er vermerkte nur in einer knappen Randnotiz: "Nach 6 Wochen behufs nochma­liger Anfrage . .." (der Rest ist unleserlich). So schrieb denn auch erst am 15. Juni, drei Monate nach der ersten Meldung von Fuß­gendarm Wiederkehr, ein Saarbrücker Regierungs-Referendar Schlosser an die Gendarmerie-Station in Diemeringen und fragte an, "ob Heinrich sich zwischenzeitlich wieder beim Gutsbesitzer Stroh eingefunden hat bzw. ob über den jetzigen Aufenthalt des­selben dort etwas Näheres bekannt geworden ist."

 

Bürgermeister Blum, der am 7. Juli dem Landrat von Richthofen einen "Bericht über die jetzige Lage liefern" sollte, konnte wieder nur Fehlanzeige melden: Der Junge sei noch nicht nach Dudweiler zurückgekehrt, und die Eltern wissen nicht, wo er geblieben ist. Heinrich war wie vom Erdboden verschwunden!

 

Fußgendarm Wiederkehr in Diemeringen wird so manchen Bau­ern aufgesucht, manchen Wanderburschen oder reisenden Händ­ler befragt haben, ob sie nicht einen etwa elf Jahre alten Knaben in zerlumpter Kleidung gesehen hätten, der Dudweiler Dialekt sprä­che. Wiederkehr hatte kein Auto, kein Reitpferd, nicht einmal ein Fahrrad, und der Sommer war dieses Jahr besonders heiß im Krummen Elsaß.

 

 

 

Schließlich fand der Gendarm doch noch die kleine Nadel im el­sässischen Stroh haufen, und zwar in Rimsdorf. Dort, so erzählte ihm der Rimsdorfer Bürgermeister, habe Heinrich "etwa sechs Wochen bei dem Ackerer (Bauern) Peter Reeb im Dienste gestan­den". Zur großen Enttäuschung Wiederkehrs habe er "sich jedoch vor vierzehn Tagen von dort unbekannt wohin entfernt". Sicherlich fiel dem Gendarm sogleich der Strohhof ein, und wir sehen ihn die sechs Kilometer auf der staubigen Landstraße durch die Dörfer den Berg hinauf ächzen. Aber ohne Erfolg! Und so meldet Wieder­kehr am 31. Juli, nach viereinhalb Monaten, dem Zaberner Kreis­director: "Auf dem Strohhof ist er inzwischen nicht wieder einge­troffen". Mit dieser kurzen Meldung nach Saarbrücken schließt die Akte des Landratsamtes aus dem Jahre 1884. Auch im Dudweiler Ra­thausarchiv findet sich nichts mehr über den kleinen Ausreißer. Was mag wohl aus ihm später geworden sein?

 

 

 

Zwei knappe Zeilen in den Akten des Standesamtes konnten wir finden, doch sie dokumentieren eine Tragödie:

 

Rudolf Ludwig Georg Harsch,

 

Fabrikarbeiter, geb. 26. 10. 1873

 

verstorben in Herrensohr am 27. Juni 1890

 

an Auszehrung (Tuberkulose) und Wassersucht.

 

 

 

Keine siebzehn Jahre alt ist unser Rudolf-Heinrich geworden. Seine Flucht ins Elsaß war sicherlich bis zu seinem frühen Tode das einzige schöne oder besondere Erlebnis, an das er immer wieder gern zurückdachte. Was danach noch folgte, war ein viel zu kurzes Leben als ungelernter Arbeiter ohne Schulbildung, der täglich zehn Stunden in ungesunder Luft mit harter Knochenarbeit sein karges täglich Brot erkämpfen mußte. Die "gute alte Zeit" ließ ihn nicht alt werden.

 

 

 

Quelle: Landesarchiv. LRA V·91

 

 

 


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