Salome Kootz

 

Die Fröhlichkeit des alten Marktes

Dudweiler Impressionen aus den 20er Jahren

 

Grellichtig ist mir die Gegenwart, schmerzend meinen Augen. Ich stelle Kulissen der Vergangenheit um mich auf und flüchte in ihre kühlen Schatten. Brauche die Umzäunung in der Uferlosig­keit, um in mir selbst zu bleiben, um nicht auseinanderzufallen. Und wandele mir so das schrille Jetzt in ein erträgliches Nun; fä­dele lächelnd Erinnerungen auf wie Apfelschnitze im Herbst. Ei­genartig, daß ich bei dem Geschäft in Gedanken auf einem alten, mir lieben Fußschemel sitze. Mir lieb, weil ihn sich meine Groß­mutter Unterkeller mittags nach dem Essen zum hochlehnigen Weidensessel und unter ihre Füße schob. So umarmt, umschirmt von dem Geflecht, mit dem Schemel ein wenig der Erde enthoben, im Winter neben dem grünen Zimmerofen hielt sie eine Ruhe­stunde, ihre wohlverdiente. War es doch schon eine Plage, als Frau Meisterin außer der eigenen Familie und dem Hausmädchen auch noch alle Gesellen und Lehrlinge der Druckerei ihres Man­nes am Tisch zu haben. Und das gelöste Lächeln im kurzen Schlaf schien wie ein Aufatmen, wie ein Amen hinter des Tages Mühe.

Dieser Schemel hat leichte Buchtungen von Großmutters Füßen, die sie wohl über Jahre hin immer auf die gleichen Stellen auf­setzte. Es gibt ihn nicht mehr. Aber er ist mir notwendig, damit ich die Spuren fühle. Sie sind die letzten Reste der Muße, der ausge­wogenen Daseinsform von früher. Von früher, als sie dem Wech­sel von Arbeit und Ruhe noch gemäße Zeit einräumten. Wenn auch die Arbeit damals mit hineinging in den Feierabend, so war es doch mehr ein Spiel der Hände, ÜB r das hin ein Gespräch, eine Erzählung, ein Lied, eine Musik lief. Die Frauen besserten Wäsche aus, stopften und strickten Winterstrümpfe, stickten oder fädelten sommers Aprikosen, Zwetschgen, Bohnen, im Herbst Apfelschnitze auf. Die langen Ketten dufteten, trockneten dann auf dem Speicher, schrumpften zu unansehnlichem Hutzelwerk, das aber aufgekocht viel inniger als heute einen Sommertag mit­ten in den Winter zauberte.

Mir erschien der reiche Wochenmarkt beim Anblick solcher Son­nenköstlichkeiten in der Dezemberstube. Die langen und vielen Reihen der Stände sah ich, bunte Obstberge, ganze Gemüse­beete waren es, Kräuterbüschel grünten, nebenan bot eine Bäue­rin auf der Messerspitze Butter an. Die Butter war in längliche Klumpen geformt, hübsch verziert, in feuchtes Leinen oder kühle Rhabarberblätter eingewickelt. Die mußte man versuchen, denn es schmeckte jede anders; sie war wohl aus der Milch ihrer Kühe und selbst gemacht, aber nicht am gleichen Tag. Eier hatte sie noch dabei und frischen Rahm. Nein, all diese Herrlichkeiten ka­men nicht aus der nahen Umgebung meines Dorfes. Es schwirrten über meinen Kopf hinweg "dat, wat, 10, hei", das schnarrende "r" im singenden Redefluß. Von der unteren Saar, von Lisdorf kamen sie zu uns, bauten ihre Stände im ersten Tageslicht auf und häuf­ten ihre Felder, ja ihre Landschaft darauf. Die Waage mitten hin­ein, die Blechschachteln, die Kasse dazu; auch Schlüsselblumen, Goldlack, Maiglöckchen im Frühling, später Pfingstrosen, Tulpen, Dahlien, steife Gladiolen, Astern in Eimern und Kannen. Und so wie die Blumen mit den Jahreszeiten kamen und gingen, so auch die Gemüse, Salate, Früchte, ja sogar die Arten der Kartoffeln.

Und nicht nur die Arten, auch die Farben und Gerüche wechsel­ten, die Laute und Stimmen, die Kleider der Händler, der Käufer. Im Frühjahr heitere Farben, zarten Rupfsalat, rote Radieschen, Schnittlauch, junger Spinat, Erdbeeren, Johannisbeeren; es roch nach tausend Blütenbäumen, die Stimmen waren hoch und hell, freudig und rasch. Der Sommer war satt und volltönig; üppig quol­len die Obsthügel der Pfirsische, Pflaumen, Aprikosen, Mirabel­len, die grünen Bohnen, Gurken, Tomaten prall rot, saftig und herz­haft. Im September dann der deftige Kappes, Rotkraut, Wirsing, Birnen, die gute Luise, Boskoppäpfeln, der Jonathan, die Renet­ten, Nüsse, Kastanien, Zwetschen, Winterkartoffeln zum Einla­gern. Gerüche und Farben des Herbstes: herb, sattes Grün und erdbraun. Die Marktfrauen hatten sich warme dunkle Wollröcke angetan, in Strickwesten gewickelt, Wolltücher umgebunden. Regnete es, so glusten die Holzkohleöfen neben ihnen, und ihre Hände hatten sie in fingerlose Handschuhe gesteckt. Im Winter endlich waren alle Marktfrauen und ihre Männer nur noch Kleider­berge, aus denen rotgefrorene Gesichter lugten. In mächtigen Filzstiefeln stampften sie den Boden, hielten die klammen Finger über ihre rauchenden Öfen. Ihre notwendigen Worte kamen träge und lustlos. Sie waren nur noch wenige. Zwei Reihen alles in al­lem. Was sollten auch der Gewürzmann, der Fischhändler? Was sollte der billige Jakob im Schnee und Kälte stimmgewaltig Kartof­felschälmesser, Gemüsereiben, ein praktisches Soßensieb, eine patente Pfeffermühle und als Zugabe eine besonders gute Schuh­wichse anpreisen? Keine frierende und darum eilige Hausfrau hätte ihm auch nur zugehört. Die Brezelfrau war abgelöst vom Ka­stanienröster.

 

0, meine Seligkeit. Und das Eismännchen wäre sich wohl da im Schnee selbst wie eine Verrücktheit vorgekom­men. Jedes Ding zu seiner Zeit. Sommers, ja da hatte er seinen Wagen neben den Brunnen geschoben. Ausgangs des Marktes und richtig gedacht. Denn in den Reihen der Stände wogte und drängte es. Und zwischen Körben und Taschen wäre sicher man­ches Eisbällchen aus der Waffel, aus heißen Kinderhänden geglit­ten. An dem Brunnen stand dann auch in der Sonne, in der Ge­mächlichkeit eine Gruppe Pensionäre. Sie diskutierten. Und ihre Gespräche kräuselten sich über ihnen wie der Rauch ihrer Ta­bakspfeifen. Zu ihnen fand sich der Schutzmann ein, machte ge­scheite Einwürfe, wobei er doch mit einem Auge, mit dem des Ge­setzes, den Markt überwachte. Bei den Hunden allerdings wachte er mit zwei Augen, da kannte er kein Pardon. Die mußten drüben auf der anderen Straßenseite oder, wenn sie dazu nicht zu bewe­gen waren, daheim bleiben.

War schon richtig so? Obgleich -ein Pissoir prangte in der gehei­ligten Zone. Aber das war eine andere Sache, eine menschliche, eine wellblechene, später eine gemauerte in Nachbarschaft der ersten Plakatsäule. Ach was, Litfaßsäule! Was hätten wir damit anfangen sollen? Wir bezeichneten sie nach ihrem Zweck, dem sie diente, nicht nach ihrem Erfinder, von dem wir nichts wußten. Sie stand eben als Nachrichtenkünder am rechten Platz. Zum Markt mußten alle im Laufe einer Woche einmal, nicht nur wegen der Wochenmärkte dienstags und freitags. Reihten sich doch um ihn das Baugeschäft Langenbahn, die Schule, der Zahnarzt Mohr, die Fotografin Mertens, das Kino, die Gärtnerei Birkenmeier, die Drogerie Kedziersky, die Metzgerei Schmitt, das Kaufhaus Levy W ', daneben das Stoffgeschäft Scholem, der Louis Franz, Leder und Spielwaren, dem gegenüber die Volksbank. Der Markt war außerdem der Bahnhof der Elektrischen. Und nicht nur für die Li­nien 8 und 9, die weiterfuhren nach Sulzbach, nach Elversberg, sondern da wendete die 6, die zwischen Saarbrücken und Dud­weiler pendelte. Sie quietschte in den Platz hinein, wo sie unter den Akazienbäumen auf ihre nächste Abfahrtszeit wartete. Im Sommer hatte sie einen Anhänger mit offener Plattform, mit Bremsrad und ledernem Klingelzug, eine dicke Glocke auf dem Dach.

Zum Markt fanden alle Neuigkeiten, alle wichtigen Geschehnisse hatten ihn zum Schauplatz; und so war denn auch selbstverständ­lich der schönste, der größte Altar am Fronleichnamstag auf dem Markt vor dem Schulhaus errichtet, zu dem hin sich langsam, fei­erlich

dann die Prozession aus der Scheidter Straße bewegte. Ich stand unter den Schaulustigen beim Louis Franz, hörte mit Ergrif­fenheit die Gebete; monoton gesummt von den Menschen in den zwei schmalen Reihen, gerufen von den Vorbetern, die inmitten gingen.

Fronleichnam war für mich der Beginn der festlosen Zeit des Jah­res, der Spiele draußen, der großen Ferien, der Freiheit, die in der Kirmes, wiederum einem Höhepunkt für den Marktplatz, endete.

Kirmes, am dritten Sonntag des September! Für jede Hausfrau begann die Kirmes schon zwei Wochen davor. Den Hausputz galt es in all seiner Umständlichkeit zunächst zu ze­lebrieren. Das war keine Kleinigkeit wie heute. Das war eine Müh­sal, eine zeitraubende, kräftezehrende Strapaze. Es stand da aber am Ziel ein Hochgefühl, das man ebenfalls heute nicht mehr kennt. Doch gibt es einen Vergleich, der diese Beglückung wider­spiegelt: Wenn man sich für einen festlichen Abend schön geklei­det hat.

Dann aber wurden Kuchen gebacken, Zwetschenkuchen vor al­lem. Runde und lange und viele. Streuselkuchen rangierten an zweiter Stelle, sie waren ja ein Alljahresgebäck. Und in den Duft, der Kirmessamstag alle Straßen, Gassen und Gäßchen erfüllte, quäkten die ersten Kirmesbläschen ihr "bäääääh", tönten die er­sten Klänge der Karussellmusik. Die Kinder liefen zur God, zum Pat, erbaten sich ein Kirmesgeld. Der Himmel stand ihnen alsdann offen: Ein Ritt auf dem Holzpferd oder in der Kutsche des mit vielen kleinen Spiegeln gezierten Karussells. Es hatte ein zweites Stock­werk mit roten Plüschsesseln und drehte einen rundherum, hoch über den Köpfen der frohen Menschen, der Buden und Stände. Eine Musikorgel schnarrte eine Melodie dazu. Vor ihren Pfeifen trommelte ein Holzsoldat, starr geradeaus schauend.

Mir war das Liebste die Schiffschaukel. Bis in die rotweiß gestreifte Zeltplane, bis in das Dach trieb ich das Schiff. Das war ein Rausch! Gleiche Beseligung empfand ich nur noch beim Hinausfliegen im Sitz des Kettenkarussells. Hoch über der Erde sein, welch eine Lust! Sicher fuhr ich darum auch gerne mit der Gondel. Die große Rutschbahn schien mir dagegen dumm. Dumm wie die Schießbu­den, Hau den Lukas, die Glücksräder, wo ich ja sowieso nie etwas gewann. Ich zog stets eine Niete, ganz gewiß. Viel lustiger waren da doch die bunten Stoffbällchen am langen Gummi. Sie sprangen und hüpften und waren gut als Wurfgeschosse, um andere damit zu necken. Lustiger auch die tanzenden, am Gummi wippenden

 

Affen, ein rotes, grünes oder blaues Papphütchen, daran eine

 

Flaumfeder. Für die ganz Kleinen waren die Propeller am Stiel, bunte Luftballons und Trompeten, die das Gewirr der Musiken, Bläs­chen, Rufen, Lachen, Reden noch bereicherten.

 

Nein, das war kein Lärm! Das war Freude. Wunderbare große Freude an der Kirmes, und es wurde gefeiert bis dienstags; dann begrub man die Kirmes mit allen Ehren. Es war ein regelrechtes Leichenbegängnis; zwar ohne Totenwagen, aber die Trauernden fuhren im Schritt und in Kutschen durch das Dorf, danach wurde, genau wie bei einer richtigen Beerdigung, "die Kirmesleiche" in al­len Gasthäusern" versoffen".

 

Lebhaft ist mir noch ein Erlebnis in Erinnerung. Ich muß damals sehr klein gewesen sein, denn die Karussells wurden noch von Pferden, die innen und immer im Kreis gingen, getrieben. -Das hatte ich nicht gesehen und tanzte mit vielen Fahrscheinen, vor Freude rundum. Als ich aber das Pferd wahrnahm, wie es ange­spannt war, weinte ich laut heraus: "Nein, das will ich nicht. Ich will heim! Nein, nein!" Die Karten mußten zurückgegeben werden. Ich war trostlos. Ich war entsetzt, noch heute würde ich kein Karussell besteigen, das von einem Pferd gezogen wird.

 

Das war mein einziger Verdruß zwischen all den fröhlichen Dingen rings um unsern Markt.

 

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